Veröffentlicht am Fr., 6. Jan. 2017 13:34 Uhr

Doch, doch, so manche Fragen fand er auch ganz amüsant, gibt Hane zu. Zum Beispiel, ob er als Muslim immer seinen Gebetsteppich mit sich herumtrage. Dabei brauche es den gar nicht, solange die Umgebung zum Beten sauber sei, versichert er. Der Workshop mit Schülerinnen und Schülern im Gymnasium zum Grauen Kloster habe ihm ermöglicht, solche Dinge zu erklären, von sich, seinen Ansichten, seiner Flucht aus Syrien zu berichten.

Hane ist Teilnehmer des Projekts "Meine, deine, unsere Wünsche für die Zukunft - Utopien?", das im vergangenen Frühjahr im Ökumenischen Gedenkzentrum Plötzensee im Charlottenburger Norden ins Leben gerufen wurde. Es bringt Berlinerinnen und Berliner, oft mit Migrationshintergrund, und junge Geflüchtete aus der Notunterkunft am Halemweg und Willkommensklassen zusammen. Ihre Herkunft, die Lebensgeschichte und soziale Hintergründe sind unterschiedlich. Die gemeinsamen Wünsche für die Zukunft allerdings ähneln sich – und darauf baut das Projekt.

Die größten Wünsche: Frieden und soziale Gerechtigkeit

Bei Besuchen in Schulen und Konfirmandengruppen tauschen die Jugendlichen sich mit Gleichaltrigen darüber aus, wie sie sich eine gerechte Gesellschaft vorstellen und was sie gemeinsam dafür tun können. "Sie zeigen, dass sie Demokratie mitgestalten möchten", sagt Projektleiterin Marion Wettach. "Das holt Jugendliche mit Migrationshintergrund und Geflüchtete aus dem Bild der Bedürftigkeit heraus, das immer noch viele Menschen von ihnen haben."

Peers für Frieden und soziale Gerechtigkeit nennen sich die Jugendlichen, benannt nach den zwei wichtigsten Wünschen, die ausnahmslos alle von ihnen für die Zukunft nannten. Ausgebildete Peer-Berater zu sein bedeutet, mit Gleichaltrigen ins Gespräch zu kommen und mit ihnen Inhalte zum Thema zu erarbeiten. Mit jedem Workshop, jedem Besuch, sagt Marion Wettach, gewinnen sie im Schnitt zwei neue Mitstreiter.

Wie viel sie bereits geleistet haben, zeigt sich an einem Abend im Dezember. Zu einem Rückblick auf die vergangenen Monate haben Marion Wettach und die Jugendlichen ins Evangelische Gemeindezentrum am Heckerdamm eingeladen. Vor den Gästen im vollen Saal berichtet ein Teilnehmer nach dem anderen, manchchmal selbst auf Deutsch, manchmal mithilfe derjenigen, die aus seiner Muttersprache übersetzen können.

Eine Chance, mit Deutschen in Kontakt zu kommen

Das Projekt in Charlottenburg-Nord sei für ihn auch eine Chance gewesen, unkompliziert mit Deutschen in Kontakt zu kommen, berichtet Mustafa aus dem Irak, der in der Notunterkunft am Halemweg lebt. "Das Glück haben viele andere nicht." Neben den regelmäßigen Gruppentreffen spielen er, die Jugendlichen und oft auch andere gemeinsam Fußball, lernen Deutsch und engagieren sich politisch. Etwa mit der Menschenkette "Hand in Hand gegen Rassismus" im Sommer, beim Berliner Jugendforum, bei Anti-Kriegs-Demos.

Auch heute noch gebe es Menschen, die nicht töten wollen und als Kriegsdienstverweigerer verfolgt würden, sagt Mohammed aus Syrien. In der Poelchau-Oberschule habe man deshalb mit Schulklassen über Harald Poelchau diskutiert, den Namensgeber der Schule. Als Gefängnispfarrer im Nationalsozialismus verhalf er dem Kriegsdienstverweigerer Martin Gauger zur Flucht. "Biografienarbeit" nennt Marion Wettach das: Persönlichkeiten finden, die mit ihrer Haltung und ihrem Handeln für die Jugendlichen interessant sind. Ob aus Deutschland oder Syrien, aus Geschichte oder Gegenwart.

Später am Abend wird es laut im Saal: In zwei Gruppen diskutieren Anwohner, Geflüchtete und die Jugendlichen, wie sie ihr Projekt im Kiez bekannter machen können: Mehr an die Öffentlichkeit gehen, den Nachbarn erklären, wer sie sind und auf diese Weise noch vorhandene Berührungsängste nehmen. Es gibt noch viel zu tun für die Peers.

„Meine, deine, unsere Wünsche für morgen – Utopien?“ ist das erste Teilprojekt des interreligiösen und interkulturellen Modellprojekts „Und was geht mich das an? Aktiv erinnern – Zukunft gemeinsam gestalten“. Es wurde vom Evangelischen Kirchenkreis Charlottenburg-Wilmersdorf, dem Erzbistum Berlin und dem Ökumenischen Gedenkzentrum Plötzensee initiiert. Die F.C. Flick Stiftung gegen Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und Intoleranz und das Programm „Stark gemacht“ des Jugenddemokratiefonds finanzieren das Projekt.

Juliane Kaelberlah/Foto: privat

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