Veröffentlicht am Mi., 3. Mai. 2017 07:06 Uhr

Nach dem Regen kam die Cholera. Als wäre alles andere nicht schon alles schlimm genug gewesen. Die Ernte: vernichtet. Die Häuser: überschwemmt. Und mittendrin die Kirche und er, der Pfarrer, zu dem die Leute kamen und um Hilfe baten. Wenn Pfarrer Alex Singo jetzt, ein Jahr später, aus den glaslosen Fenstern seiner neugebauten Kirche schaut, kann er das kaum glauben. Die Erde ist krümelig, die Luft steht, und in jedem Gottesdienst bitten er und seine Gemeinde nur um eines: dass es endlich regnet.

Kirche kann auch ein Platz unter dem Mangobaum sein
Aus dem kühlen Hochland Iringas hat sich unser Jeep ins Tal gebuckelt. Je tiefer wir kommen, desto wärmer wird es – und desto bescheidener das Leben. Lehmhütten, ein paar Bäume, kleine Felder. Im Missionsgebiet Rift Valley ist Gemeindearbeit ein Kraftakt: Die Gebiete der Kirchengemeinden sind nicht nur weitläufig, viele Menschen ziehen auf der Suche nach besseren Lebensbedingungen auch häufig um, nicht nur die Massai, die das Tal mit ihren Rindern, Schafen und Ziegen auf der Suche nach Futterplätzen durchqueren. Neben den Hauptkirchen gibt es deshalb überall sogenannte Predigtstätten, an denen sich Christen zum Gottesdienst treffen – manchmal eine Kapelle, manchmal nur ein schattiges Plätzchen unter einem Mangobaum.

Immer im Dienst
Alex Singos Gemeinde in Kiwande steht noch vor einer ganz anderen Herausforderung: Sie wächst rasant. Die neue Kirche zwischen abgeholzten Bäumen ist gerade fertig, eine andere etwas weiter weg noch im Bau. Was für uns Christen aus Berlin nach traumhaften Zuständen klingt, bedeutet für Singo und seine Mitarbeiter vor allem Stress. Mit fünf Laienpredigern, den Evangelisten, ist er für 620 Gemeindemitglieder zuständig. Morgengebete und Seelsorge, Gottesdienste und Hauskreise, Chorproben und Gespräche. Neun bis zwölf Kilometer weit entfernt liegt die nächste Außenstelle der Gemeinde. Ein Fahrrad oder gar ein Motorrad hat der Pfarrer nicht.

Das Gehalt ist kaum ein Taschengeld

Wie in vielen Gemeinden in Tansania ist die Kirche auch hier nicht nur ein Ort, um den Glauben zu leben. Für viele Menschen bedeutet sie Hoffnung und übernimmt oft die soziale Fürsorge, wenn der Staat es nicht tut. So kümmert sich Alex Singos Gemeinde immer noch um diejenigen, die an den Folgen der Flut im vergangenen Jahr leiden. „Dabei haben wir kaum genügend Geld für unsere Mitarbeiter“, sagt der Pfarrer. Ein Evangelist in seiner Gemeinde bekommt umgerechnet kaum mehr als ein paar Euro im Monat. „Aber sie werden nicht müde und haben ein Herz für die Arbeit des Herrn.“ Große Hoffnung setzt er in die Pläne der regionalen Verwaltung, von ihrem derzeitigen Sitz in seine Gemeinde umzusiedeln. Ein eigenes Gästehaus zu betreiben, ist Singos Traum – und brächte neben Arbeitsstellen und Infrastruktur auch Geld in seine Gemeindekasse.

Stipendien können Leben verändern
Bis dahin muss Singo oft improvisieren. Noch immer fehlen beispielsweise Instrumente für Musik im Gottesdienst, es gibt nicht einmal Trommeln. Viel mehr aber beschäftigt ihn, dass einige junge Menschen aus der Gemeinde nicht mehr zur Schule gehen oder eine Lehre machen können, weil das Geld in den Familien knapp ist. Wie Helena, die ihre Ausbildung zur Schneiderin abbrechen muss. 200 Euro fehlen ihr für ein Stück selbstbestimmte Zukunft. Unseren Vorschlag, mithilfe von Spenden ein Stipendiensystem aufzubauen, wie es die US-amerikanischen Partner des Kirchenkreises Iringa-West schon praktizieren, findet Pfarrer Singo sinnvoll.

Kita-Ideen aus Charlottenburg-Wilmersdorf
„Wir brauchen gute Ideen, und wir können viel voneinander lernen“, sagt auch Pastorin Regina, die ein paar Kilometer weiter eine Gemeinde hat. Regina war im vergangenen Sommer im Kirchenkreis Charlottenburg-Wilmersdorf zu Besuch. Von ihren Stippvisiten in evangelischen Kindertagesstätten brachte sie die Idee mit, künftig in ihrer Gemeindekita ein Essen anzubieten. Seit es einmal am Tag einen Teller warmen Brei gibt, ist die Gruppe von sechs auf 32 Kinder gewachsen.

Hauptsache, dem Gast geht's gut
Während die Kinder unserem mitgebrachten Fußball quer durch den Gemüsegarten hinterhertoben, bittet uns Regina in ihr Haus und verschwindet kurz danach kichernd im Hinterhof. Als sie wieder ins Wohnzimmer kommt, hat sie einen stattlichen Hahn in den Händen. „Mein Geschenk für euch!“ Gästen muss es gut gehen, das merken wir auf unserer Reise immer wieder. Selbst wenn das Pfarrhaus kaum größer ist als eine Gartenlaube – der Tisch ist niemals leer. Mal gibt die Gemeinde für ihre Verhältnisse Unsummen aus, um uns Fleisch und Reis aufzutischen, mal wird eigens Cola und Brause für die schwitzenden Gäste bereitgehalten.

Der Hahn stellt uns vor Transportprobleme, aber ein paar resolute Herren aus der Gemeinde packen ihn kurzerhand in einen Pappkarton und verfrachten ihn in den Fußraum unseres Jeeps. Voilá: Chicken to go. Als wir nach Hause fahren, fängt es an zu regnen.

Eine Bildergalerie zu unseren Besuchen in den Landgemeinden finden Sie hier.

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