Veröffentlicht von Juliane Kaelberlah am Mo., 7. Mai. 2018 14:33 Uhr

Pfarrer Sascha Weber aus der Kirchengemeinde Am Lietzensee verbringt seine dreimonatige Studienzeit in Iringa (Tansania), einer Stadt in unserem Partnerkirchenkreis Iringa-West. Hier berichtet er, wie seinen ersten Taufgottesdienst erlebte.

Morgendämmerung. Pastor Iwila holt mich pünktlich um 6 Uhr zum Gottesdienst ab. Auf der unbeleuchteten Nebenstraße Iringas, an der meine Unterkunft liegt, ist schon jede Menge los. Das Leben in Tansania verläuft in einem anderen Tempo. So nahe am Äquator, wo die Sonne immer schon um halb sieben untergeht, wird das Tageslicht voll ausgenutzt. Entsprechend wird auch die Uhr gestellt. Der Tag beginnt um 6.00 Uhr, wenn bei uns in Deutschland Mitternacht ist.

In Berlin ist die Party vorbei, in Tansania beginnt sie gerade

Wir sind unterwegs zu einer Kirche, einem rohen Ziegelbau, in der zu für mich nachtschlafender Zeit neun Studenten getauft und neun weitere konfirmiert werden sollen. "Zu Hause machen sich die Studenten gerade aus den Clubs auf den Heimweg", meine ich zu meinem Kollegen. In der Kirche probt schon die Band und der Chor, so laut, dass das Wellblechdach im Rhytmus der Bässe mitmusiziert. Immer mehr junge Leute strömen im gerade anbrechenden Tageslicht zur Kirche. Die Mädels sind aufwendig frisiert, in schicken Kleidern, manche farbenfroh gemustert, andere klassisch-elegant. Die Jungs haben fast durchweg weiße Hemden an, manche eine rote oder orangefarbene Krawatte, schwarze Hosen. Alle haben ihre Bibel dabei und machen sich während der Predigt Notizen. Die ist heute ausgesprochen kurz, nur etwas über eine halbe Stunde.

"Wir haben ein Problem: Unsere Kirche ist zu klein", sagt der Kollege

Der Gottesdienst beginnt, keiner sitzt auf einem der bunten Plasitkstühle, alle tanzen immer ausgelassener auf dem nackten Estrich. Die Stimmung ist super. Gemeinsam mit dem Pastor Iwila und Superintendent Ambrose Mwakikoti bahne ich mir einen Weg durch die Menge. 450 junge Leute. "Wir haben ein Problem, unsere Kirche ist zu klein", sagt der Kollege, es würden noch mehr kommen, aber viele wollen dann doch nicht die ganze Zeit stehen oder auf dem Fußboden sitzen. Die lutherische Kirche in Iringa hat sich vorgenommen, in den nächsten 10 Jahren ihre Mitgliederzahl zu verdoppeln. 300 000 Christen wollen sie werden. Eines ihrer Probleme ist, dass Sonntags nur 30 Prozent der Mitglieder die Gottesdienste besuchen. Das kann doch nicht sein!  

Musik, Party, Jesus: Die Kirche ist ein Club

"Das ist völlig verrückt", rufe ich Ambrose zu, der direkt neben mir steht. Es wird immer wilder, ausgelassener, intensiver. Schnell begreife ich: Der Gottesdienst IST die Party, die Kirche ist der Club für diese Kids. Sie brauchen keine kommerzielle Party. Sie feiern ihr Leben ausgelassen und voller Lebensfreude hier, in der Kirche. Mit Jesus im Gottesdienst. Mit Abstand bin ich der Älteste in diesem Gottesdienst. Auch das ist eine besondere, neue Erfahrung. Die Taufen bewegen mich. Eine Plastikschüssel dient als Taufschale. Die jungen Leute knien auf den Altarstufen. "Willst du jemanden auf Deutsch taufen?", fragt mich der Kollege. Das kommt mir dann doch etwas zu spontan. Es wäre wohl auch für den Täufling etwas zu überraschend und er oder sie könnte mich nicht verstehen. Ich gratuliere jedem sehr herzlich. Jede Einzelne wird beklatscht, bekommt eine bunte Kette überreicht.

Beim Abendmahlausteilen mache ich mit. Wir stehen vor dem Chor, vor den Boxen. 450 Menschen kommen zum Abendmahl. Ich brülle: "Das ist das Brot des Lebens, für DICH!", und bin anschließend heiser und ziemlich fertig. Es ist toll! Ambrose predigt über die Freiheit, die die Freundinnen und Freunde Jesu hatten und haben, weil sie direkt mit ihm reden, ihm anvertrauen können, was sie bewegt. Nach drei Stunden endet der Gottesdienst auf der Wiese vor der Kirche in der Sonne. Wir stehen zusammen im Kreis, ich hebe die Hände, spreche den Segen in deutscher Sprache.

Selfies und Hühnersuppe

Dann machen wir Fotos mit den Täuflingen, Konfirmanden und Kollegen. Viele kommen zu mir, schütteln mir die Hände, machen ein Selfie, um es anschließend bei Instagram hochzuladen. "Warum kommst du nicht wieder und predigst einmal bei uns?", werde ich oft gefragt. "Na klar, gerne!", ist jetzt meine Antwort. Ich habe mich in dieser Gemeinde nicht eine Sekunde fremd gefühlt. Die Herzlichkeit, die Gemeinschaft im Glauben an Jesus Christus, das, was uns verbindet ist viel stärker als das, was uns trennt. Und ist es nicht egal, ob die Taufschale aus grünem Plastik statt aus Silber und der Fußboden nackter Estrich ist statt Solnhofener Platten, wenn ich hier so viele Freunde treffe, mit denen ich mein Leben feiern kann und die Beziehung zu Jesus stimmt?

Im Anschluss an den Gottesdienst wird in einer anderen Kirche für uns Frühstück bereitgehalten. Selbstgemachte Hühnersuppe mit Chilli, frischgepresster Saft, Pfannkuchen. Es schmeckt köstlich. Die Kollegen besprechen auf Kisuaheli die anstehende Synode. Ich bin froh, dass ich nicht mitreden muss. Der Gottesdienst, den ich gerade erlebt habe, hat mir viel zu denken gegeben. Ich habe eine junge Kirche erlebt. Voller Dynamik, voller Kraft, voller Hoffnung. Ich bin sehr froh, ich bin dabei.

T: Sascha Weber/F: privat

Kategorien AG Partnerschaft