Veröffentlicht am Mo., 27. Apr. 2020 08:15 Uhr

Auf dem Evangelischen Campus Daniel berät Diplom-Pädagogin Martina Rohrbach Eltern zu Fragen rund ums Familienleben und Erziehungsthemen. Hier bloggt sie über gelingendes Familienleben im Corona-Modus und gibt Tipps für die Zeit zwischen Homeoffice und Kinder-Dauerbetreuung.

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Von dichten Gedichten und heimeligen Reimen

Ich bekam gestern eine Mail von meinem alten Deutschlehrer und Freund mit der Bitte, „A poem for you“, ein Gedicht oder Vergleichbares, das mir nahe geht und mich in schweren Zeiten begleitet, an die angegebene Person zu schicken und dann meinen Namen an die 2. Stelle zu setzen, in der Hoffnung, dass die von mir an 20 Personen weitergeleitete Mail anschließend weitergereicht wird und in ein paar Tagen frische Gedichte auch in meinen Account spült.

Ich mag Kettenbriefe nicht sonderlich, aber das fand ich eine gute Idee.

Aber welches Gedicht oder Sprüchlein nehme ich? Nach einigen Stunden tauchte ich aus der Welt meiner Bücher, Tagebücher und Gefühle wieder auf und entschied mich doch für das Rilke-Gedicht, das mir spontan gleich am Anfang eingefallen war, und schickte es, lustigerweise, an meinen ehemaligen Professor, den ich auch sehr mochte, und der sich zum Glück noch bester Gesundheit erfreut.

Gedichte! „Das ist ja ein Gedicht, so gut schmeckt das!“ – „Was dichtest Du Dir denn da zusammen?“ – „Bist Du noch ganz dicht?“ (Nein, das passt nicht – oder doch?) – „Das hast Du Dir doch bloß zusammengereimt!“  

Ich weiß gar nicht, ob in der Schule noch Gedichte auswendig gelernt werden. Ich hatte eine ganze Menge davon zu bewältigen, und zumindest die Anfänge der meisten kann ich noch.

Eins fällt mir ein, das in der „Glockenfibel“, meinem ersten Sprachlernbuch in der 1. Klasse gestanden haben muss:

Zehn Schneider sitzen und schwitzen
Und lassen die Nadeln flitzen.

Sie nähen für einen faulen Schelm,
es ist kein Hut, es ist kein Helm,

es ist nur eine Mütze,
die ist für unsern Fritze;

der liegt und schläft in den Tag hinein;
das muss dann seine Schlafmütze sein.

Diese Zeilen werde ich nie vergessen, weil ich sie damals so lustig fand und Spaß an dem Sprachrhythmus hatte. Auch durch die Hirnforschung weiß man laut Professor Gerald Hüther, einem Neurobiologen, dass Sprechen in der Gruppe und das Auswendiglernen von Texten ungemein förderlich für die lebenslange Lernfähigkeit sind.

Irgendwann habe ich mal Englisch studiert wegen der Texte in der Pop- und Rockmusik. Ich wollte sie verstehen können und eine vernünftige Aussprache haben, wenn ich zur Gitarre gesungen habe. Ich habe nachgeahmt! Also was spricht dagegen, sich Gedichte, Lieder und Verse vorzunehmen, und sie so oft zu wiederholen bis sie im Gedächtnis hängenbleiben? Und schließlich selbst welche zu verfassen?

Wenn Sie immer noch mit Ihren Kindern die meiste Zeit zu Hause ausharren müssen, haben Sie hiermit die Chance auf ein neues gemeinsames Sprachprojekt, je nach Alter in unterschiedlichen Schwierigkeitsgraden. Ob ein Klassiker oder ein selbstgebastelter Corona-Rap, schaffen Sie sich etwas Bleibendes! Und machen Sie einen Wettbewerb mit den Kindern, den Sie aber wahrscheinlich verlieren werden. „Gedichte-Memory“, kann man selber herstellen, mit Bildern auf der einen und Texten, die zusammenpassen, auf der anderen Seite, oder in zwei Sprachen, wenn Sie die sowieso können.

Was ich am meisten liebe, ist das eigene Reimen oder Ketten-Reimen mit mehreren, das aneinandergefügt zu den abenteuerlichsten Geschichten und Lautmalereien führen kann. Bildung ist ja in frühen Jahren meistens Nachahmung kombiniert mit eigener Phantasie.

Mir fällt noch ein „Lieblings…“ aus der Mundorgel ein, aus dem frühen Grundschulalter (kann man sprechen oder singen, wenn Sie nie Noten finden):

Ein Storch spazierte einst am Teiche,
da fand er eine blinde Schleiche.

Er sprach: „Das ist ja wunderbar!“
Und fraß sie auf mit Haut und Haar.

Die Schleiche lag in seinem Magen,
das konnten beide nicht vertragen.

Da sprach die blinde Schleich: „Oh Graus!“
Und kroch zur Hintertür hinaus.

Der Storch sah solches mit Verdruss,
dass sowas ihm passieren muss.

Da fraß der Storch ohn‘ lange Wahl
Den Schleichenwurm zum zweiten Mal.  

Drauf stemmt er lächeln mit Verstand
Die Hintertüre an die Wand,
und sprach nach innen zu der Schleich:
„Na bitte, wenn Du kannst entweich‘!“

Und bringt in sinniger Erfindung
Die beiden Türen in Verbindung.
Und sprach zur blinden Schleich hinein:
„Nun richt' Dich für 'ne Rundreis ein!“

(Ohne Gewähr, echt aus dem Gedächtnis)

Vielleicht schreibe ich mich hier mit meinen Blogs professionell als Elternberaterin um Kopf und Kragen; aber das hat mir früher einfach Spaß gemacht, und manches Kulturgut bleibt zeitlos!


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