Veröffentlicht am Sa., 2. Mai. 2020 08:15 Uhr

Auf dem Evangelischen Campus Daniel berät Diplom-Pädagogin Martina Rohrbach Eltern zu Fragen rund ums Familienleben und Erziehungsthemen. Hier bloggt sie über gelingendes Familienleben im Corona-Modus und gibt Tipps für die Zeit zwischen Homeoffice und Kinder-Dauerbetreuung.

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Was ist häusliche Gewalt?

Es heißt, dass seit Beginn der Corona-Epidemie mehr Anzeigen von familiärer Gewalt zu verzeichnen sind. Doch nach Aussage der Polizei handelt es sich nicht in jedem Fall wirklich um Gewalt, sondern manchmal lediglich um Lärmbelästigung.

Es liegt nahe, dass in einer beengten häuslichen Situation die Nerven mancher Menschen nach den Wochen des „Shutdowns“ blankliegen. Männer, die ihre Frauen und/oder ihre Kinder anbrüllen oder schlagen – es gibt auch Mütter, die ausrasten – wissen nicht, wohin mit sich und ihren Gefühlen, ohne all die gewohnten Kompensationsmittel.

Gewalt ist mehr als ein "Corona-Produkt"

Ich möchte einmal laut darüber nachdenken, was das bedeutet. Ich glaube, dass die Gewalt nicht neu oder durch die Corona-Krise entstanden ist, sondern schon vorher als Latenz dagewesen sein muss. Es fällt jetzt mehr auf, wird eher gehört, wenn Schreiereien zu hören sind, weil tagsüber mehr Menschen in den Wohnungen sind.

Ich denke, dass die Gewalt im Grunde schon vorher da war. Aber was ist das überhaupt – familiäre Gewalt?

Die Stufen der Gewalt

  • Es geht los mit der „dicken Luft“, wenn Spannungen und Konflikte zwischen den Eltern bestehen und nicht ausgetragen werden, wenn Partner nicht über ihre wirklichen Bedürfnisse sprechen können oder nicht gehört werden.
  • Es gibt auch den sogenannten Liebesentzug, wenn unausgesprochene Strafe über die Nichtachtung beginnt.
  • Auf der nächsten Stufe werden diese Spannungen verbal ausgetragen: Vorwürfe, Zuschreibungen, Abwertungen, Herabwürdigungen, Beleidigungen und Abfälligkeiten; Unterstellungen und Schuldzuweisungen – es gibt viele Wörter für das, was in etlichen Lebensgemeinschaften zur Normalität gehört. Und als DU-Botschaften auf Partner abgeschossen wird.
  • Eine weitere Eskalation ist das Verleumden und Bloßstellen im Bekanntenkreis und in der Öffentlichkeit. 

Kind haben ein feines Gespür für Unruhe

Die Kraft der psychischen Gewalt darf nicht unterschätzt werden, auch wenn es noch nicht körperlich wird. Die Kinder bekommen alles mit und spüren die Unruhe, die in der Familie herrscht. Sie reagieren ihrerseits mit Unruhe, ohne sich ausagieren zu können, gerade in dieser Zeit nicht. Sie können nicht ihr eigenes Leben mit Freunden, Sport, Verwandten in anderen Zusammenhängen führen, die wie rettende Engel ihr Leben flankieren.

Wo jetzt Sicherheit gebraucht würde, ist nur Stress

Was sie jetzt in der Zeit des reduzierten Lebensraumes brauchten, ist ein Gefühl von Sicherheit durch die Eltern, aber sie bekommen stattdessen zunehmenden Stress.
Latenzen zu Gewalttätigkeiten, die in den sonst berufstätigen oder anders beschäftigten Männern und Vätern schlummern können, steigen dichter unter die Oberfläche und machen unter den bestehenden Umständen einen Ausbruch wahrscheinlicher. So kann es auch vermehrt zu körperlicher Gewalt kommen, die vorher noch beherrschbar war. Aber auch völlig entnervte Mütter und Geschwister dürfen nicht aus den Augen verloren werden.

Gab es vorher schon psychische und/oder physische Gewalt in der Familie, wird es jetzt nicht aufhören, ohne dass mindestens eine Person aus dem System aussteigt.

"Ich mache das nicht mehr mit" - die Gewaltspirale stoppen

Austeigen bedeutet, das Spiel nicht mehr mitzumachen. In schlimmen Fällen heißt das, die Scham zu überwinden und Hilfe in Anspruch zu nehmen: anzeigen, ausziehen, sich in Schutz bringen, in jedem Falle STOPP sagen. Es ist wie beim Rauchen, Trinken oder jeder anderen Sucht: Ich will so nicht mehr weiterleben und entscheide mich, sofort damit aufzuhören, ob in der Opfer- oder der Täterrolle.

Das Ziel von allen behördlichen Eingriffen ist die Verbesserung der Situation, der Erhalt der Familie, auch bei Trennung, weil die Kinder nun einmal keine andere Familie haben und innerlich immer loyal mit ihren Eltern sind. Ihre innere Bindung ist nicht daran gekoppelt, dass die Eltern ihnen Gutes tun, sondern weil sie einfach die Bindungspersonen sind.

Auch freundliches Nachfragen ist Zivilcourage

Wenn Sie also in der Nachbarschaft oder im Bekanntenkreis etwas davon mitbekommen, dann schweigen Sie nicht. Geben Sie ein Zeichen, dass Sie etwas bemerkt haben und agieren Sie im Sinne des Kinderschutzgesetzes.

Es ist eine Form von Zivilcourage, sich einzumischen und nicht zuzusehen, weder bei sich noch bei anderen. Vielleicht kann schon ein Beratungsprozess ohne dramatische rechtliche Schritte eine Veränderung bewirken. Es geht ja bei Formen von Gewalt immer um die Selbst-Regulation von Gefühlen und Impulsen. Wenn jemand das nicht schafft, braucht er Grenzen, Kontrolle und Unterstützung, um innerlich eigene Grenzen aufzubauen und den Verstand vor dem „Raushauen“ von Wörtern oder Schlägen einzusetzen; auch wenn er oder sie selbst in der eigenen Kindheit nichts anderes erlebt hat.

Wenn der Schaden in der Persönlichkeit nicht zu groß ist, glaube ich daran, dass in jedem Elternteil die Liebe zum eigenen Kind groß genug ist, um eine Kehrtwende herbeiführen zu können.


Hier finden Sie eine gute Übersicht über häusliche Gewalt, ihre Gründe und Anlaufstellen für Hilfesuchende.

Die Hotline Kinderschutz ist die zentrale Hotline der Berliner Jugendhilfe. Sie ist  rund um die Uhr erreichbar und mehrsprachig. Wenn Sie sich Sorgen um ein Kind machen oder selbst als Eltern an Ihre Grenzen kommen, finden Sie dort Hilfe und Beratung, auch anonym: 030 61 00 66.


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Kategorien Elternberatung