Veröffentlicht am Fr., 8. Mai. 2020 08:15 Uhr

Auf dem Evangelischen Campus Daniel berät Diplom-Pädagogin Martina Rohrbach Eltern zu Fragen rund ums Familienleben und Erziehungsthemen. Hier bloggt sie von Montag bis Freitag über gelingendes Familienleben im Corona-Modus und gibt Tipps für die Zeit zwischen Homeoffice und Kinder-Dauerbetreuung.

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Vom Umgang mit der Ent-Täuschung

In Zeiten, in denen man auf sich zurückgeworfen ist, und das Unterbewusste viel verarbeiten muss, um die Gegenwart zu ertragen, blättern irgendwann die Fassaden.

So wie sich manche Frau zur Zeit das Make-Up spart, weil sie sowieso nicht rausgeht, die Jogginghose gütig mit der leicht expandierenden Taille umgeht und die Haare zumindest am Ansatz ihre ursprüngliche Farbe zu erkennen geben, so zeigt auch die Realität, dass wir keinen unbegrenzten Zugriff auf „persönliche Freiheit“ haben.

Oft gelingt jetzt ein Blick hinter die Fassade

In Zeiten des Öffnens und des Wunsches nach der Rückkehr in ein irgendwie geartetes Normalitätsgefühl zeigen sich manche Wahrheiten deutlicher als zuvor. Vorsätzliche oder unbedachte Äußerungen von Politikern bringen ihre Art zu denken ans Licht, Fußballer ihre deutlich überbezahlte Dummheit, und die fleißigen Arbeitsbienen in den Dienstleistungs- und Pflegebereichen (Kita und Schule zähle ich zu Dienstleistung) kämen nicht in ihren kühnsten Träumen auf die Idee, an dieser Situation etwas zu veralbern. Sie arbeiten in Treue und Loyalität und tun, was getan werden muss. Ob sie jemals dauerhaft und angemessen bezahlt werden? Die Lehrer und Ärzte, die ja, unterschiedlich. Dann kommt eine Weile gar nichts.

„Helden des Alltags“ sind im Grunde alle, außer denen, die sich keine Sorgen um ihre Existenz und Angehörigen machen und keine Kinder zu Hause in beengten Verhältnissen versorgen müssen. – Jetzt geht es für viele wieder raus!

Das alte Leben schnell wieder aufrüsten oder den Rhythmus verlangsamen?

Es wird sich zeigen, wie viele Masken der Folgsamkeit fallen; denn die Folgen der Pandemie werden langanhaltend und die weitere Achtsamkeit nötig sein. Und es wird sich zeigen, wer möglichst schnell das alte Leben wieder aufrüsten möchte oder wer die anderen Qualitäten des entspannteren Daseins wiedergefunden oder überhaupt entdeckt hat. Konnten diese verlangsamten Rhythmen in ihrem Leben dauerhaft Fuß fassen oder werden sie von der aufkommenden Hektik des Neustarts gleich wieder weggespült?

„Wir hatten endlich mal Zeit miteinander zu spielen“, habe ich aus sehr vielen Familien gehört; mein Friseur hat angefangen Französisch zu lernen; und ich weiß nicht, wie viele kreative Ideen in Kunst und Kultur explosionsartig im Netz erschienen sind, die uns auf neue Gedanken bringen.

Ich hörte kürzlich in den Nachrichten, dass die Rüstungsexporte in Deutschland im Jahr 2019 erheblich höher waren als 2018, viel Kriegsgerät und Zubehör in Länder, die die Menschenrechte verletzen. Habe ich richtig gehört? – Da kommt also ein großer Teil unseres Wohlstands her, der jetzt unseren finanziellen Vorteil in der Pandemie ausmacht. Aber wollen wir das wirklich auf diese Art?

Heute auf den Tag vor 75 Jahren war der Zweite Weltkrieg vorbei. Die Deutschen und besonders Kinder damals hatten wirklich nichts; die Menschen hatten einen unglaublichen Lebenswillen aufzubringen, um das zerstörte Lebensumfeld zu ertragen und einfach nicht zu verhungern. Was für eine Diskrepanz zu heute!

Wir können eine „Ansteckungskette für Werte“ in Gang setzen

Ist es denkbar, dass wir weiterhin Vorsicht im Umgang walten lassen und längerfristig an einer gesunden, gleichberechtigteren und ökologischeren Zukunft orientiert sind? Können wir vertrauensvoll den sozialen Ausgleich mit helfenden, pflegenden und mit Kindern arbeitenden Berufen anstreben?

In der kleinen Einheit des Zusammenlebens ist die Frage, was die veränderte, ausgesprochene und miteinander verhandelte Lebenskultur sein könnte. Vielleicht kommen neuartige Gespräche auf, die die starren Grenzen zwischen den Themen Familie, Schule, Arbeit, Freizeit, Politik, Wirtschaft, Soziales, Ökologie und Vergnügen aufheben, denn alles hängt unabdingbar zusammen. Vielleicht führt das dahin, dass jede*r über das sprechen kann, was sie/ihn beschäftigt, und Gemeinsamkeiten und Unterschiede können festgestellt und anerkannt werden. Vor allem für Familien mit heranwachsenden Jugendlichen wäre das eine gute Idee.

Gemeinsame Wertvorstellungen im Konsens entwickeln, die auch in Verhalten umgesetzt werden: So bekommen Kinder eine Orientierung in eine Richtung, die vielleicht die Umwelt nicht zerstört, sondern das Miteinander in dieser umfangreichen Menschheit möglich macht. Oder die Eltern bekommen durch die Kinder eine andere Richtung, weil es ihnen jetzt besser gelingt, deren Perspektive zu verstehen. Alte „Ansteckungsketten“ von Werten, die die Menschenwürde vieler Menschen verletzen, können so unterbrochen werden. Das braucht aber Zeit zum Reden, gemeinsam Spielen oder einfach nur Zuhören.


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