Veröffentlicht am Mi., 13. Mai. 2020 08:15 Uhr

Auf dem Evangelischen Campus Daniel berät Diplom-Pädagogin Martina Rohrbach Eltern zu Fragen rund ums Familienleben und Erziehungsthemen. Hier bloggt sie von Montag bis Freitag über gelingendes Familienleben im Corona-Modus und gibt Tipps für die Zeit zwischen Homeoffice und Kinder-Dauerbetreuung.

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Ich verstehe die Welt nicht mehr

Die Nachrichten bringen zurzeit Berichte über die Demonstrationen von sogenannten Verschwörungstheoretikern, die den Vorsichtsmaßnahmen Widerstand entgegensetzen.

Was passiert da eigentlich? Solche Bewegungen sind nicht neu; sie gelten als Krisensymptom, wenn die Menschen Zusammenhänge verstehen wollen, die sie an ihrer Freiheit und Selbstwirksamkeit hindern. Es ist eine Art Überbleibsel mystischen und unaufgeklärten Denkens, das man als Überlastungsanzeige werten kann.

Der Wunsch, Komplexes zu vereinfachen

Die Suche nach einem Sündenbock oder einem verschwörerischen Kartell dient der sogenannten Komplexitätsreduktion, also der Vereinfachung von vielschichtigen Zusammenhängen. Da werden Sichtweisen aufgebaut und verbreitet, die der Aufrechterhaltung des Glaubens an Durchschaubarkeit dienen. Leider schaffen das nicht einmal Politiker*innen, von denen man sich diesen Sachverstand eigentlich wünscht. Tatsache ist, dass wir alle nicht genau wissen können, ob die Maßnahmen gegen Covid-19 nun wirklich in Gänze nötig sind und ob den Beschränkungen, die immer irgendwie ungerecht sind, weiterhin Folge geleistet werden soll.

Die Suche nach der absoluten Wahrheit

Wie viel Macht haben die Virologen und Epidemiologen, die Lobbyisten in der Wirtschaft; national, europäisch oder global? Da kann einem schon mal das Hirn überkochen. Nur eines ist gewiss: Wir werden die absolute Wahrheit nicht herausfinden. Das ganze Leben, geordnet in sinnvollen und widersinnigen Systemen, ist ein einziges Experiment nach Versuch und Irrtum, ob in der Betrachtung von einem Gott gesteuert oder das Ergebnis unseres evolutionären Geschehens.

Auch in der Familie werden Regeln ständig hinterfragt

Weshalb schreibe ich das hier? Weil eine Familie oder andere Art von Lebensgemeinschaft auch ein System ist, dessen Mitglieder gerne verstehen wollen, wie es zu bestimmten Regeln gekommen ist – und ob sie wirklich nötig sind.

Kinder aller Altersgruppen sind also immer so etwas wie Systemsprenger oder zumindest -hinterfrager. Sie kennen sicher die Phase, in der jede elterliche Ansage oder überhaupt jedes unbekannte Phänomen mit „Warum?“ quittiert wird.

Kinder bringen einen ans Eingemachte! Sie quälen einen, bis sie verstehen, weshalb sie nicht länger Fernsehen dürfen, ins Bett müssen, nicht so viel Süßes essen oder nicht so rumschreien sollen, wenn Mama oder Papa jetzt Homeoffice machen müssen. Es ist für sie einfach noch nicht nachvollziehbar! Sie triggern unsere eigenen Erfahrungen im Bereich des Unbewussten, unsere Verdrängungen, seelischen Narben und den Zwang zur Anpassung in der eigenen Kindheit.

Das kann die Gewalt von sich untereinander schiebenden Kontinentalplatten annehmen. Dann wackelt der Boden, und wenn man Pech hat, kommt es an einer Stelle zum Ausbruch und schließlich einer Welle der angestauten Wut. Dann kann man sagen … „Upps … Corona!“, und würde wahnsinnig gerne einen Sündenbock zur Hand haben, dem man die Schuld zusprechen kann.

Corona ist wie ein Brennglas, das zeigt, was schon vorher im Argen lag

Im Kleinen wie im Großen laufen da Prozesse ab, die durch Hilflosigkeit, Frustration und dem Gefühl, mit all den Pandemie-Folgen alleine gelassen zu sein, beschleunigt und verschärft werden. Eigentlich wirkt Corona wie ein Brennglas, durch das bereits bestehende Missstände ans Licht kommen.

Leider gibt es keine empirische Sicherheit, ob persönliche oder politische Entscheidungen die einzig richtigen sind. Man ist meist erst hinterher schlauer. Ich persönlich ziehe es vor, trotzdem den Bemühungen von Wissenschaftlern und Verantwortlichen zu vertrauen, zwar immer mit kritischem Blick, aber ohne mich ständig über Dinge aufzuregen, die ich sowieso nicht ändern kann.

Da unser humanistisches Menschenbild zum Ziel hat, Leben und Würde des Menschen weltweit zu schützen, wie die UN-Menschenrechtskonvention vorgibt, werden wir immer mehr Menschen auf unserem Planeten. Wir brauchen also ein permanentes, an die Lage angepasstes „Change-Management“, weil bestehende Systeme an ihre Grenzen kommen. Bleiben wir also flexibel!


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Kategorien Elternberatung