Veröffentlicht am Mo., 18. Mai. 2020 08:15 Uhr

Auf dem Evangelischen Campus Daniel berät Diplom-Pädagogin Martina Rohrbach Eltern zu Fragen rund ums Familienleben und Erziehungsthemen. Hier bloggt sie von Montag bis Freitag über gelingendes Familienleben im Corona-Modus und gibt Tipps für die Zeit zwischen Homeoffice und Kinder-Dauerbetreuung.

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BLOG 49

Was hat mein Abendessen mit Corona zu tun?

Vor Weihnachten vergangenen Jahres habe ich mir zum ersten Mal in meinem Leben einen eigenen Fernseher gekauft. In diesen Zeiten ist das Segen und Fluch zugleich, denn das Internet kommt ja noch dazu. Okay, ich will ja wissen und verstehen, um verarbeiten zu können, was gerade mit uns geschieht.

In ZDF-Zoom kam am 13. Mai 2020 ein Beitrag über Putenzucht. Der hätte zu jeder anderen Zeit laufen können, aber ich sehe momentan alles mit anderen Augen, höre mit offeneren Ohren. Vor Corona bestand wenig Hoffnung auf Veränderung bestehender Verhältnisse und Gewohnheiten. Jetzt gibt es die Chance, an verschiedenen Stellen einen Fuß in die Tür zu kriegen, weil sowieso alles unkontrollierbar aus der Wachstumsrate fällt.

Arbeit in der Fleischindustrie unter gruseligen Bedingungen

In meinem Kopf verbinden sich verschiedene aktuelle Informationen: In den Wohnheimen der osteuropäischen Arbeiter in der verarbeitenden Fleischindustrie herrschen unterirdische, beengte Bedingungen rund ums Jahr, nicht nur saisonal wie bei der Spargelernte. Die Leute verdienen so wenig, dass sie sich gar keine andere Unterkunft leisten könnten. Wo das Virus Einzug gehalten hat, geht es unaufhaltbar herum, bei uns und anderswo.

Erkrankt ein Tier, müssen in der Putenzucht – beispielhaft für jede Form von Massentierhaltung – alle Tiere in der Anlage mit Antibiotika behandelt werden. Wir essen das! Tiermast wird als einer der Hauptgründe für die Entstehung antibiotikaresistenter Keime angesehen, die unsere Gesundheit gefährden und häufig in Krankenhäusern übertragen werden. Eine Studie des Europäischen Zentrums für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten (ECDC) hat ergeben, dass europaweit 680.000 Menschen daran erkrankt waren, mehr als 33.000 starben (in Deutschland waren es 55.500 Erkrankte und rund 2400 Tote).*

Antibiotika sind nicht als Allheilmittel gedacht

Wir wissen, dass Viruserkrankungen häufig eine Superinfektion mit Bakterien obendrauf nach sich ziehen, weil kein Krankenhaus die absolute Keimfreiheit hinkriegen kann. In Zeiten von Corona brandgefährlich.

Wie viele Antibiotika nehmen wir Menschen zu uns, weil wir meinen für die Arbeit funktionieren zu müssen? Kindern werden sie schnell verabreicht, damit sie am manchmal schon am nächsten Tag mit der Gesundschreibung im Beutel wieder in die Kita gebracht werden können. Wir wissen im Grunde um die Zusammenhänge, aber wir fühlen sie nicht, solange wir nicht persönlich betroffen sind. Jetzt kommt Corona, und plötzlich bekommen alle Angst, weil es bisher kein Mittel gibt, wenn es zu einer schweren Infektion kommt.

Muss die Turbo-Pute auf den Teller?

Die sogenannten „Turbo-Puten“ werden so gezüchtet, dass sie ganz viel schweres Brustfleisch haben, weil insbesondere wir Deutschen das so gerne essen. Sie können sich gar nicht auf den dünnen Beinen halten und brechen zum Teil unter ihrem eigenen Gewicht zusammen. Alles soll billig und reichlich verfügbar sein, wenn ich Appetit drauf habe! Das ist „meine persönliche Freiheit!“ Ist das wirklich so? Wer zahlt den eigentlichen Preis dafür?

Ich sehe eine Analogie zwischen Massentierhaltung zum Fleischverzehr Massenarbeiterhaltung in der Fleischverarbeitung; beides im Moment als Gefahr für unsere Gesundheit. Ich bin übrigens weder vegan, vegetarisch oder ernährungs-ideologisch unterwegs, sondern esse sehr vielfältig, und das gerne biologisch korrekt – weil ich es mir bisher auch leisten kann.

Familien sind die Keimzellen der Gesellschaft für einen Wandel des Menschenbildes, das vielen von uns vor lauter scheinbarer Freiheit verloren gegangen ist. Wäre es nicht eine gute Idee, an einer Stelle anzufangen und zu Hause zu sagen: „Leute lasst uns überlegen, was wir wirklich brauchen, um zufrieden zu sein – nicht nur aus materiellen Gründen?“ Wir alle haben Einfluss, wenn wir nicht auf Werbung reinfallen. Letztlich bestimmt das „Gesetz der Füße“ den Markt – auch den der Lebensmittel.

* Zur Studie: https://www.thelancet.com/journals/laninf/article/PIIS1473-3099(18)30605-4/fulltext


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