Veröffentlicht am Mo., 29. Jun. 2020 08:15 Uhr

Auf dem Evangelischen Campus Daniel berät Diplom-Pädagogin Martina Rohrbach Eltern zu Fragen rund ums Familienleben und Erziehungsthemen. Hier bloggt sie von Montag bis Freitag über ein gelingendes Familienleben im Corona-Modus.

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BLOG 77

Rückwärts? Gibt’s nicht!

Und wenn es alles gar nicht mehr so werden soll, wie es war? Die überraschend über uns hereingebrochene Zeit des Unbekannten in der Corona-Krise hat Herausforderungen geschaffen, die das ganze Spektrum an Gefühlen aktiviert. Neben der Angst vor Erkrankung und den plötzlich flächendeckend einzuhaltenden Hygieneregeln haben sich alle Lebensbereiche verändert.  

Wann immer das Wort Krise auftaucht, gibt es eine Erschütterung, wenn nicht gar Vernichtung des „Alt-Hergebrachten“. Risse und Lücken erscheinen im System, durch die die unschönen, versteckten und zuweilen ekeligen Systemmängel auftauchen. Eine Chance für Aufräumarbeiten – nicht nur zu Hause, sondern auch in gesellschaftlichen Arbeitsfeldern.  

Als grundsätzlich kritische Berufsoptimistin habe ich hier oft die Chancen beschworen, in dieser Zeit auch das Bildungssystem, die Arbeit in Kitas und Schulen, deutlich zu verbessern.

Die Lehrpläne geben Freiheit – aber viele Lehrer setzen auf Sicherheit

In der neuen ZEIT ist in der Rubrik WISSEN der Artikel „Frei wie nie“ mit einem Interview mit drei Schulleiter*innen nachzulesen. Sie wünschen sich, nicht zur alten Normalität zurückzukehren zu müssen, sondern die Errungenschaften aus der Corona-Zeit zu nutzen und weiterzuentwickeln. Präsenz in der Schule, im Unterricht oder zu freier Projektarbeit gemischt mit digitaler Arbeit, in kleineren Gruppen, schülerbezogen, altersübergreifend; alles sollte denkbar sein, was die Schüler*innen darin fördert, eigenständig zu forschen, zu üben und gemeinsam an Themen zu arbeiten.  

Die Interviewten berichten, dass Schulgesetz und Lehrpläne viele Freiheiten zulassen, die meisten Lehrer*innen aber die Sicherheit der alten Unterrichtsmodelle bevorzugen und brauchen. Am konservativsten seien die Eltern, die sich an dem orientierten, was sie selbst kennen. (24. Juni 2020 DIE ZEIT Nr. 27/2020, 25. Juni 2020)  

Wenn ich also davon ausgehe, dass soetwas wie die Fleischindustrie in NRW, beengte Wohnverhältnisse und fahrlässige Menschen dafür sorgen, dass immer wieder Corona-Hotspots aufkeimen, die regionale Shutdowns oder sogar Lockdowns nötig machen,   müssen wir uns auf einen langen Atem in der Selbstorganisation einstellen. Wir werden Mischkonzepte brauchen, um alle Kinder verantwortungsvoll gut voranzubringen.

Oder lassen wir uns von den Kindern voranbringen? Einer der Schulleiter berichtet, dass die viel kompetenteren Schüler den Lehrern den Umgang mit den digitalen Medien beigebracht haben. Sie haben gemeinsam gelernt! Kleine Gruppen sind das Geheimnis zu großem Lernerfolg. Das wird möglich, wenn die Schüler*innen in unterschiedlichen Formaten lernen können.

In den Kitas war es während der Zeit der Notbetreuung ähnlich. Die kleinen Gruppen waren für die Kinder und die Erzieher*innen für eine Weile so, wie Pädagogik auch sein kann. Das heißt ganz praktisch, dass es sein kann, dass auch in Zukunft Kinder manchmal zu Hause bleiben werden, Unterricht im Homeschooling effektiv laufen kann, viel mehr in unterschiedlichen und flexiblen Gruppen stattfinden muss. Und für die Kinder, die eine ständige Präsenz und Unterstützung in einer sicheren Alltagsstruktur brauchen, müssen Kita und Schule die Plätze zur Verfügung halten und sie kompetent begleiten. Vielleicht entlassen unsere Bildungseinrichtungen auf diese Weise am Ende viel selbstständigere Erwachsene mit in menschlicher Hinsicht fortschrittlichem Denken in die Welt!


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Kategorien Elternberatung