Veröffentlicht am Di., 30. Jun. 2020 08:15 Uhr

Auf dem Evangelischen Campus Daniel berät Diplom-Pädagogin Martina Rohrbach Eltern zu Fragen rund ums Familienleben und Erziehungsthemen. Hier bloggt sie von Montag bis Freitag über ein gelingendes Familienleben im Corona-Modus.

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BLOG 78

Was wir mit Kindern verhandeln können: In einem Land zwischen Grenzen und Regeln  

In vielen pädagogischen Einrichtungen heißt es, die Eltern von heute könnten keine Grenzen mehr setzen. Und weil die Kinder dann in der Kita nicht hören, weil sie schlecht „erzogen“ sind, und ihre Eltern „an der Nase herumführen“, braucht es immer mehr Regeln, um den Alltag einigermaßen durchzustehen.  

Vor der Corona-Pandemie gab es in Kindertagesstätten – nicht zuletzt wegen des Personalmangels – zunehmend offene Arbeit, weil sich die vielen Kinder so auch mit Personalengpässen besser beaufsichtigen ließen. Im Moment gibt es den durch Hygieneregeln herbeigeführten „Flashback“ in die alten Zeiten der Gruppenarbeit mit der Forderung nach möglichst wenig Fluktuation zwischen den Gruppen.  

Die Kinder verbringen ihre Zeit hauptsächlich in den beiden Systemen Familie und Tagesbetreuung. In beiden Lebensbereichen gibt es unterschiedliche Regeln, aber durchaus ähnliche Grenzen.  

Was ist der Unterschied zwischen Grenzen und Regeln?  

Grenzen wie die eines Landes oder einer Union beschreiben immer auch die Sicherung von Wertesystemen. In Italien würde nachts auf leeren Straßen kein Taxifahrer an einer roten Ampel halten, bei uns würde keiner drüberfahren. Grenzen beschreiben einen weitgehenden Konsens innerhalb einer größeren Gruppe von Menschen. In unserem Kontext hieße das zum Beispiel, dass Gewalt, Demütigungen, Unterdrückung und Diskriminierung laut Grundgesetz eigentlich verboten sind. Das ist also im Grunde nicht verhandelbar.  

Und wie kommt man dahin, sich auch daran halten zu können? Indem die kleinen wilden Geister innerhalb dieser Grenzen über Regeln im Alltag lernen, sich wie zivilisierte Menschen zu verhalten und den Nächsten genauso zu lieben wie sich selbst. Wie aber kommt es zu den Regeln? Wer bestimmt sie?  

In meinem Kernfamiliensystem gab es wenige echte Grenzpfeiler, die unverbrüchlich eingeschlagen wurden, weil ich ohne sie meinen Alltag nicht hätte bewältigen können:  

  • Mein häufig krankes Kind hatte absoluten Vorrang vor der Arbeit.
  • Abends gab es eine regelmäßige Zubettgehzeit mit viel Zuwendung.
  • Es gab ein gemeinsames Frühstück mit Ruhe, weil ich mich mit leerem Bauch niemandem aussetzen wollte.
  • Ehrlichkeit bedeutete, dazu zu stehen, wenn man etwas verbockt hatte. Mit anderen Worten: Fehler sind erlaubt, aber ‚ehrlich‘ währt am längsten. 

Zwischen Frühstück und Zubettgehen gab und gibt es viele Spielräume. Ich habe meinem Kind immer vertraut. Es schien ein gutes Gespür dafür haben, wo bei mir die echten Grenzen verliefen, an denen nichts zu rütteln war. Und natürlich gab es regelmäßig Scharmützel an der einen oder anderen Stelle, an der die Regeln, das „Feintuning“, innerhalb dieser Grenzen verhandelt werden mussten.  

Wie verhandelt man? Zum Beispiel so: „Ich spiele mit dir nur, wenn ich Lust dazu habe, dann aber von Herzen gerne und wie verabredet. Mit schlechter Laune oder gestresst irgendetwas mitmachen will ich nicht. Du darfst auch Deine Bedürfnisse einbringen, wenn es um gemeinsame Zeit geht.“  

Das Aushandeln eines Reglements, das den Alltag geschmeidiger macht, kann durchaus beiden Seiten Spaß machen – wenn man Vertrauen in das Gegenüber hat!


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Kategorien Elternberatung