Veröffentlicht am Do., 1. Okt. 2020 06:00 Uhr

Der Alltag mit Kindern ist wunderbar und herausfordernd – und manchmal beides gleichzeitig. Auf dem Evangelischen Campus Daniel berät Diplom-Pädagogin Martina Rohrbach Eltern in Fragen rund um Familienleben und Erziehung. Dieser Themenfundus und persönliche Beobachtungen sind die Inspiration für ihren wöchentlichen Blog „Familiensinn“.

Blog 03

Von der Straße auf den Bildungsweg

Heute wird es etwas theoretischer, aber meiner Ansicht nach immens wichtig! Warum ich diesen Text anbiete? Weil jede Innovation, Öffnung, Veränderung und Verbesserung von Abschnitten des Bildungssystems nur realisierbar sind, wenn die Eltern und Familien mitmachen.  

Wir orientieren uns meist rückwärts und denken, Kita und Schule müssten so sein, wie wir sie selbst erlebt haben. Ganz im Gegenteil: Bei allem Respekt vor Tradition ist es bedenklich, wenn sich Konzepte und Inhalte nicht weiterentwickeln. Also kommen Sie mit auf den Weg der Wandlung des „Bildungsklimas“ – Sie lernen etwas dabei!  

Alle Kinder starten mit einem stark organisierten Gehirn ins Leben. Schon Babys können viel mehr, als sich Erwachsene vorstellen können, weil sie selbst in erster Linie mit dem Ernähren, Windeln-Wechseln und Beruhigen beschäftigt sind. Also schauen wir, wie diese natürliche Anlage des Lernens gepflegt und stetig erweitert werden kann. Es ist nicht einfach, in den Babys die bisher uneingeschränkten kleinen Genies zu erkennen.

Mit gut zweieinhalb Jahren sind Kinder schon fit in Grammatik

Intelligenz heißt, Automatismen zu entwickeln, und diesen dann immer wieder zu widerstehen, um Neues aufnehmen zu können und zu integrieren. Jede neue Information, die in das Gehirn gelangt, verändert die bereits bestehenden neuronalen Netzwerke. Man stelle sich vor, dass Kinder bereits mit 18 Monaten ihre Muttersprache gespeichert haben, mit circa 2,6 Jahren die ganze Grammatik beherrschen und von Anfang an über ein mathematisches Verständnis verfügen! Sie hören, verstehen, bilden ein passives Sprachverständnis, bevor sie sprechen können; können lesen, bevor sie schreiben. Diese zirkulären Lernprozesse enden bekanntlich nie, solange wir leben.

Wer lernwillig bleibt, hat gute Karten

Ich bin absolut fasziniert von diesen Erkenntnissen der modernen Hirnforschung, weil sie mir das Gefühl geben, mein Leben immer mehr selbst beeinflussen zu können, wenn ich lernfähig und -willig bleibe. Für mich liegt darin eine Freiheit, die für die heutigen Kinder eine existenzielle Bedeutung für ihre Zukunft hat. Wir brauchen einen Bildungsweg mit neuen erfolgreicheren und sozialeren pädagogischen Konzepten in den Einrichtungen, damit die nachwachsende Generation ihre Herausforderungen bewältigen kann. Dabei sind außerhalb der Familie Kindergarten und Schule die entscheidenden Bereiche. Berufsausbildung und Studium bauen darauf auf.

Manche unserer Bildungsangebote stammen noch aus der Zeit der Industrialisierung

Leider basieren unsere öffentlichen Bildungsangebote immer noch auf den Grundsätzen des Konformitätssystems des 19. Jahrhunderts, als Industrialisierung noch gleichgeschaltete Fabrikarbeiter benötigte. Wer diesen Gedanken weiterverfolgen und in Englisch mit Untertiteln folgen möchte, sollte sich dieses Video anschauen, das 2010 von der Bundeszentrale für politische Bildung veröffentlicht wurde: https://www.bpb.de/mediathek/158066/ken-robinson-bildung-voellig-neu-denken

Die Forscher haben festgestellt, dass das Erlernen der ausführenden Funktionen für lebenslange Kompetenzen viel wichtiger ist als der Lernstoff.

Es gibt drei cerebrale Säulen des Lernens, die das „Konzerthaus Gehirn“ tragen. Der sich langsam entwickelnde präfrontale Cortex an der Stirnseite des Gehirns ist dabei der Dirigent. Wenn er seine Instrumente nicht kennt, entsteht Chaos. Was aber braucht unser Gehirn, um besser zu arbeiten?

1.    Aufmerksamkeit: trainierte Wahrnehmungsfähigkeit der Außenwelt

Wir überschätzen unsere Fähigkeit, die Außenwelt wahrzunehmen. Was nicht in meinem Fokus ist, sehe ich nicht. Das wird „Unaufmerksamkeitsblindheit“ genannt. Ist normal, kann aber verbessert werden.

2.    Aktive Beteiligung: Den kreativen Forscher im Kind agieren lassen

Ohne Zeit und Raum für eigenes Erforschen der Umwelt wächst keine Kreativität. Projekte für Kitas wie „Die kleinen Forscher“ sind ein guter Anfang.

3.    Fehler machen: Ohne Fehler kein Lernprozess

Fehler sind beim Lernen unverzichtbar. Fragen wie „Wo habe ich mich geirrt?“ - „Woher rührt der Fehler?“ - „Wie kann ich ihn korrigieren?“ ermöglichen erst eine Neukonfiguration der neuronalen Netzwerke, was letztendlich „Lernen“ bedeutet.

4.    Konsolidierung: Aufnehmen und Üben im Wechsel für das Langzeitgedächtnis

Lernen und Tests im Sinne von Feedback und nicht als Bewertung wären das neue Verständnis. Ich muss lesen können, um einen Text zu verstehen und rechnen können, um eine Aufgabe zu lösen. Diese Funktionen müssen automatisiert werden, um entspannt neuen Inhalten folgen zu können.

Wir sind bisher keine bildungs- und fehlerfreundliche Kultur. Da ist noch Luft nach oben, die Werte der Vergangenheit loszulassen und für die Zukunft neu zu ordnen. Machen Sie von zu Hause aus mit!

Quellen
https://www.arte.tv/de/videos/075778-001-A/die-schule-von-morgen/

Filmtipps

https://www.arte.tv/de/videos/098387-000-A/die-schueler-der-madame-anne/

https://www.arte.tv/de/videos/075778-002-A/die-schule-von-morgen-2-2/ http://www.reinhardkahl.de/das-neue-kommt-als-fehler-zur-welt/ 


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