Veröffentlicht am Do., 8. Okt. 2020 06:00 Uhr

Der Alltag mit Kindern ist wunderbar und herausfordernd – und manchmal beides gleichzeitig. Auf dem Evangelischen Campus Daniel berät Diplom-Pädagogin Martina Rohrbach Eltern in Fragen rund um Familienleben und Erziehung. Dieser Themenfundus und persönliche Beobachtungen sind die Inspiration für ihren wöchentlichen Blog „Familiensinn“.

Blog 04

Der neue Generationenvertrag

Ich möchte gerne mit dem Thema Achtsamkeit fortfahren. Heute Morgen wurde mir mein zweiter Weisheitszahn gezogen. Es war ein wenig kompliziert, sodass mein Zahnarzt eine ganze Weile in meinem offenen Mund rumwerkeln musste. Er selbst hatte einen Fuß in Gips und wollte seine Patienten nicht hängenlassen; sein Ausfall wäre für beide Seiten stressig geworden. Wir haben uns gegenseitig zur Tapferkeit beglückwünscht!

Neulich in der S-Bahn stiegen zwei Männer ein, von denen sich einer gegenüber und ein junger Mann dicht neben mich setzte. Der Herr gegenüber hatte eine ausgeleierte Einwegmaske auf der Oberlippe hängen, der neben mir trug gar keine.

Ich lernte mich von einer ganz neuen Seite kennen, als ich reflexartig zu meinen Sitznachbarn sagte (sogar mit ausgestrecktem Zeigefinger): „Du setzt jetzt eine Maske auf.“ Dem Passagier gegenüber gab ich die Anweisung, seine Maske hochzuziehen, während ich aufstand und einen anderen Platz suchte. Ich drehte mich noch einmal um und sagte „Und du setzt die Maske auf, auch wenn ich mich wegsetze“, was er bereits pflichtschuldig getan hatte. Sämtliche Fahrgäste starrten mich an, ohne eine Miene zu verziehen. Vielleicht überlegten alle, ob ich eine Undercover-Kontrolleurin war und gleich Strafzettel verteilen würde. Ich musste, heimlich in mein „Maultäschle“ hineingrinsend, erstmal ein Selfie machen, um die Autorität, die ich anscheinend ausgestrahlt hatte, für alle Zeiten festzuhalten.

So ging es die ganze Woche weiter. Beim Tango-Kurs bat ich meinen Tanzpartner, ebenfalls eine Maske aufzusetzen, weil ich wusste, dass er tangomäßig sehr viel auf der Piste ist und anscheinend zunehmend sein Alter und die Vorsicht vergaß.

Gleichzeitig habe ich von mehreren Leuten gehört, wie ihre Corona-Infektionen verlaufen sind, und dass niemand von ihnen nach fast sechs Monaten wieder richtig gesund geworden ist. Sie sind schlagartig gealtert, denn der Muskelabbau und die Kurzatmigkeit hinterlassen Spuren, die nur junge Menschen wieder ausgleichen können.

Es ist gerade in der Jugend nicht so einfach, gegen den Strom zu schwimmen, wenn die Peergroup, in der man anerkannt sein möchte, zur Unvernunft neigt. Die Kinder sollen in Kita und Schule gehen; die Erzieher*innen und Lehrer*innen quälen sich mit den Hygieneregeln herum, und die Eltern, also der Mittelbau, müssen die Bedürfnisse aller vorhandenen Generationen nach Eigenwilligkeit, Gesundheit und Lebensfreude in der Familie verbinden können. Das ist neben der Arbeit und im Modus des Selbstschutzes ein schwerer Job.  

Der Sommer war eine Art Experimentierfeld in unseren Corona-Zeiten, und jetzt brauchen wir sehr viel Selbstdisziplin, Kommunikations- und Durchsetzungsfähigkeit, um die kalte Jahreszeit gut zu überstehen.

Reden Sie mit den Menschen in Ihrem Umfeld, denen es schwerfällt, in der Eigenverantwortung achtsam zu handeln! Niemand möchte einen erneuten Shutdown, und genauso wenig hat jemand Lust auf widersprüchliche und wechselnde Anweisungen aus Hilflosigkeit der Politik. Wir müssen es also selbst in die Hand nehmen, um unsere Freiheit zu wahren. Der Generationenvertrag hat mit Corona eine neue Dimension gewonnen. Jede Gruppe hat ihren eigenen Auftrag innerhalb des zukunftsorientierten gemeinschaftlichen Denkens und Daseins.

Ich schätze meinen Zahnarzt, und deshalb habe ich im vollen Bewusstsein der anstehenden Behandlung in der vergangenen Woche darauf geachtet, dass ich mich möglichst nirgendwo anstecken kann. Es fällt mir auch nicht leicht, immer mein Bewusstsein in dieser Richtung eingeschaltet zu haben, egal, welche Regeln vorgegeben sind. Aber ich will diese Infektion nicht haben, und das Virus auch nicht aus Versehen weitergeben. Es ist wie mit dem Tempolimit auf der der Autobahn. Geht es um die individuelle Befriedigung einer Lust mit Experimentalcharakter oder um die sichere Ankunft in der Zukunft?


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