Veröffentlicht am Do., 5. Nov. 2020 05:00 Uhr

Der Alltag mit Kindern ist wunderbar und herausfordernd – und manchmal beides gleichzeitig. Auf dem Evangelischen Campus Daniel berät Diplom-Pädagogin Martina Rohrbach Eltern in Fragen rund um Familienleben und Erziehung. Dieser Themenfundus und persönliche Beobachtungen sind die Inspiration für ihren wöchentlichen Blog „Familiensinn“.

Blog 08 - Ist es Wissen oder Meinung?

Alles Wissen ist relativ und verändert sich durch seine stetige Erweiterung. Häufig stellen sich alte Selbstverständlichkeiten als Irrtum heraus – zum Beispiel ist die Erde rund und doch keine Scheibe. Zurzeit haben wir eine Pandemie durch ein Virus, das wir mit unseren bisherigen wissenschaftlich fundierten Kenntnissen noch nicht pharmakologisch bändigen können.  

Solche in der Natur entstehenden Phänomene wie eine Pandemie hat es immer gegeben. Ohne Viren und Bakterien, die in unsere Körper eingedrungen sind, gäbe es keine Evolution! In früheren Zeiten haben Epidemien sehr viele Menschen das Leben gekostet, aber auch unsere Menschheitsentwicklung vorangebracht.  

Unsere Lebenserwartung steigt dank pharmakologischer und medizinischer Entwicklungen und auch dank sozialer Sicherungssysteme, mit deren Hilfe wir überhaupt so alt werden können; denn wie Schopenhauer sagte: „Gesundheit ist nicht alles, aber alles ist ohne Gesundheit nichts.“ Daraus leitet sich bei uns eine hohe Anspruchshaltung an ein gutes und langes Leben in maximaler Gesundheit ab. – Und jetzt ist eine Situation eingetreten, auf die bei uns niemand vorbereitet war.  

Wir können so viel meinen und glauben wie wir wollen; im Grunde wissen wir, was das richtige Handeln ist: Stillhalten und Ansteckung vermeiden, um den Spuk so schnell wie möglich in seine Schranken zu verweisen, solange es nicht die Möglichkeit einer Impfung gibt.  

Jetzt hat unsere Regierung beschlossen, dass bis Ende November der gesamte Freizeit- und Vergnügungsbereich geschlossen und die Begegnungen im privaten Bereich reglementiert werden. Dafür bleiben Kitas und Schulen und der Einzelhandel geöffnet. Die Wirtschaft soll ansonsten weiterlaufen. Der Erfolg steht und fällt damit, dass sich die Bevölkerung an die Vorgaben hält, damit Ansteckungsketten wieder nachvollziehbar werden und schließlich in Sackgassen verenden. Natürlich gibt es keine gerechten Maßnahmen, auch keine Sicherheit, ob sie ausreichend oder differenziert genug sind; denn es liegt so oder so an den Einzelnen, ob sie verstanden haben, wie die Verbreitung funktioniert und ob sie die Gefährlichkeit (an)erkannt haben.  

Wenn ich „Bestimmer“ wäre – wie die Knirpse in den Kitas sagen – würde ich mittel- und langfristig denken, alle notwendigen finanziellen Mittel nehmen und mit aller positiven Zukunftsperspektive in Bildung und Ausbildung investieren. Und zwar mit der Hoffnung auf Erholung und Entwicklung eines guten und gesunden Menschenverstandes in allen Lebensbereichen. Wenn jeder Einzelne nur einen Menschen damit „anstecken“ würde, hätten wir schlagartig bessere Verhältnisse.  

Ich halte es für richtig, trotz steigender Infektionszahlen die Kitas und Schulen möglichst offen zu halten, weil die Kinder diese Orte der Bildung und Gemeinschaft brauchen. Leider gibt es auch gute Gründe, weshalb in diesen Bereichen Personalmangel herrscht. Wieso ist es in der Politik so schwer zu begreifen, dass Kitas und Schulen heute so schnell wie möglich gut auszustatten sind und für ausreichend gut ausgebildetes Personal gesorgt werden muss? Genauso nützen Intensivbetten und Technik wenig, wenn kein Pflegepersonal da ist.  

Nein, es wird nichts mehr so sein wie es war; und wahrscheinlich ist es gut so, wenn wir lernen wollen, zukunftsorientierter zu denken.  

Unser ‚Nachwuchs‘ braucht die besten Bedingungen, die überhaupt nur vorstellbar sind, und ich hoffe auf gescheite junge Frauen und Männer, die in Zukunft die Geschicke in die Hand nehmen und die Welt im Bewusstsein von Eigenverantwortung verändern wollen. Dafür brauchen die Kinder sichere Bindung, soziales Empfinden und Selbstwertgefühl als Voraussetzung. Und dafür wiederum brauchen sie entspannte Erwachsene, die sich ihnen mit Ruhe und Engagement zuwenden können; und zwar sowohl privat in den Familien als auch in den öffentlichen Bildungseinrichtungen. –  

Jetzt haben wir erst einmal die Aufgabe, mit viel Geduld den November gut durchzuhalten, auch wenn wir auf liebgewonnene Gewohnheiten verzichten und mehr Zeit im privaten Bereich verbringen müssen. Vielleicht entstehen neue Gewohnheiten, die auch Freude bereiten?  

Wissen entsteht durch Versuch und Irrtum. So funktioniert Lernen. Auch wenn ich der Meinung sein mag, dass manche Maßnahmen unsinnig oder ungerecht sind, muss die Verbreitung des Virus durch Reduktion von Kontakten gestoppt werden.


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