Veröffentlicht am Di., 10. Nov. 2020 05:00 Uhr

Der Alltag mit Kindern ist wunderbar und herausfordernd – und manchmal beides gleichzeitig. Auf dem Evangelischen Campus Daniel berät Diplom-Pädagogin Martina Rohrbach Eltern in Fragen rund um Familienleben und Erziehung. Dieser Themenfundus und persönliche Beobachtungen sind die Inspiration für ihren wöchentlichen Blog „Familiensinn“.

09 – Okay Mom, heute geht’s um dich!

„Endlich! Manchmal denke ich, ich soll alles ausgleichen und retten, was an den Kindern von heute versäumt wird. – Ich möchte mein Kind früh, also mit einem Jahr, in die Kita bringen, weil ich wieder arbeiten gehen will. Ist das was Schlimmes? – Jetzt habe ich einen Kita-Platz, und den will ich nicht wieder hergeben. Mein Arbeitgeber rechnet auch mit mir! Und nun soll ich mit der Eingewöhnung warten, weil nicht genug Personal in der Kita ist.

Obendrein soll ich auch noch zu einer Diagnostik, weil mein Kind etwas entwicklungsverzögert sein soll. – Mein Mann kann nicht zu Hause bleiben, und ich habe mal wieder die A…Karte und soll alles abfangen und ausgleichen. Das macht mich wahnsinnig, weil wir Mütter keine Lobby haben! Wir stehen als Rabenmütter da, wenn wir auch noch ein Leben neben dem Mutterdasein haben und haben wollen.“  

Mütter kennen Doppel- und Dreifachbelastungen, mit denen sie klarkommen müssen. Alleinerziehende Mütter und Väter haben es besonders schwer, wenn sie allein für den Unterhalt UND die sichere Bindung ihres Kindes oder ihrer Kinder sorgen müssen. Wenn das Kind krank wird, hat die Erziehungsperson zwar ein Recht auf zehn „Kinderkrankentage“ Urlaub im Jahr, aber die reichen meist nicht aus. Fehlt auch noch Personal in der Kita, soll das Kind früher abgeholt werden oder gar nicht erst kommen, gibt es wirklich ein Dilemma.  

„Wie komme ich zu einer Entscheidung, zu der ich stehen kann, und die mich nicht aus der Bahn wirft, weder als Mutter noch als Berufstätige?“ In Situationen, die keine einfache Lösung zulassen, plädiere ich immer für die Einbeziehung des Gefühls und der Intuition: Zeitfenster aufmachen, hinsetzen und atmen. Im Zustand der Meditation oder Tiefenentspannung gehe ich auf eine andere Bewusstseinsstufe, als wenn ich über etwas „nachdenke“.  

Verschiedene Atemübungen:  

Kehlkopfatmung – Der ganze Körper beruhigt sich
Einatmen durch die Nase über die Kehle – den Rachen einziehen, automatisch weiter in den Bauch atmen – leichtes Ausatmen durch den leicht geöffneten Mund ohne Geräusch  

Bauchatmung – Die Neugeborenenatmung
Eine Hand auf den Bauch eine auf die Brust – erst in den Bauch atmen, dann die Brust auffüllen - erst die Brust leeren, dann den Bauch  

Atemfrequenz verringern
4 Sekunden lang Einatmen– 7 Sekunden lang halten für– 8 Sekunden lang ausatmen  

Wechselatmung (10 x)
Daumen und Mittelfinger an beide Nasenlöcher legen – durch ein Nasenloch einatmen, durch das andere aus – durch dieselbe Seite einatmen, auf der anderen aus  

Kurze Atemmeditation mit dem gesamten Körper (10 Min.)

Bequeme Sitzhaltung (Schneidersitz, mit Decke, Kissen oder Stuhl etc.). Die Hände liegen entspannt, offen, ineinander, auf den Knien, Oberschenkeln oder da, wo es bequem ist.

  • Schultern drehen, hochziehen, locker lassen und dabei ausatmen (3 x)
  • Über Sitzbeinhöcker erden, Wirbelsäule aufrichten, Scheitelkrone Richtung Decke schieben, die beiden Pole auseinanderziehen; Kinn minimal Richtung Brustbein ziehen.
  • Die Gesichtszüge werden weich, Kiefer, Wangen, Nasenwurzel, alle Anspannung geht raus. Setzen Sie ein ganz leichtes Lächeln in die Mundwinkel.
  • Konzentration auf den Atem: Wie fühlt er sich an, warm oder kalt? Bleiben Sie bei Ihrem Atem: Sie brauchen sich um nichts zu kümmern.
  • Zurück zum Körper, Kopf leicht kreisen, recken, Augen auf. Hände vor das Herz, danken und lächeln!  

Der Atem ist etwas Natürliches, das eigentlich nicht beeinflusst zu werden braucht. Wenn wir in Aufregung geraten, atmen wir flacher und schneller und nehmen weniger Sauerstoff auf. Eine Erinnerung an den natürlichen Atem hilft, schnell wieder herunterzukommen, wenn das Herz anfängt zu klopfen oder der Ärger hochsteigt. In diesem Zustand kann man nicht klar denken. Irgendwann übernehmen unser Reptiliengehirn und in die instinktiven Notfallreaktionen die Kontrolle.  

Egal wie ungerecht oder fatal die Umstände sind: Der Atem hilft, wieder in die Eigenmächtigkeit mit klarem Verstand zu kommen, in denen man mit Bewusstsein nachdenken kann. Wenn ich in dem tiefenentspannten Zustand bin, kann ich mir diese möglichen Fragen in einer schwierigen Situation stellen und auf die Antwort aus meinem Inneren warten. Meistens gibt es eine Tendenz in die eine oder andere Richtung:  

  • Fühle ich mich eher solidarisch mit meinem Kind, das ich nicht unnötigem Stress aussetzen möchte?
  • Was muss ich tun, um meinen Stress zu reduzieren?
  • Reduziere ich meinen Stress, wenn ich zu Hause bleibe?
  • Bereitet es mir mehr Stress, wenn ich nicht zur Arbeit gehe?
  • Wo und von wem kann ich zusätzliche Unterstützung bekommen?
  •  WIE ENTSCHEIDE ICH ?

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