Veröffentlicht am Do., 12. Nov. 2020 05:45 Uhr

Der Alltag mit Kindern ist wunderbar und herausfordernd – und manchmal beides gleichzeitig. Auf dem Evangelischen Campus Daniel berät Diplom-Pädagogin Martina Rohrbach Eltern in Fragen rund um Familienleben und Erziehung. Dieser Themenfundus und persönliche Beobachtungen sind die Inspiration für ihren wöchentlichen Blog „Familiensinn“.

10 - Wie trösten wir uns und unsere Kinder im November?

Ich erzähle heute wieder eine Alltagsgeschichte, die Ihnen vielleicht bekannt vorkommt.

  „Nach einem langen, anstrengenden Arbeitstag hat Mama ihre Kinder aus der Kita und dem Hort abgeholt und kommt in das Lager ihrer sogenannten Multitasking-Fähigkeiten nach Hause. Sie legt den Mund-Nasenschutz-Schmuck der Familienmitglieder aus den letzten drei Tagen kurz bei 70 Grad zur Desinfizierung in den Backofen, während sie rasch den Kindern zuruft, sie mögen die Jacken ausziehen und die Hände waschen, bevor sie bitte ins Kinderzimmer verschwinden sollen. 

Dann geht sie in die Küche und bereitet den Auflauf vor, der nach Entnahme der Masken in den bereits vorgeheizten Backofen geschoben werden soll. Zwischendurch wirft sie die Kaffeemaschine an, schaut die Post durch (meistens Werbung) und checkt zum 53. Mal am Tag das Handy, u.a. ob ihr Mann endlich mitgeteilt hat, wann er heute zum Essen nach Hause kommt. In der Firma ist gerade viel los, zum Glück! Hätte sie einen selbstständigen Kulturschaffenden geheiratet, gäbe es womöglich gerade ein größeres existenzielles Problem obendrein. 

Aber alles geht gut, Papa kommt rechtzeitig, es wird gemeinsam gegessen, noch ein bisschen gespielt, die Kinder sind gebadet, „nein, kein Video mehr gucken!“. Endlich um 21 Uhr noch ein Buch vorlesen, doch dann will das Kind nur im Bett der Eltern einschlafen. Und noch mal etwas essen und trinken, obwohl die Zähne schon geputzt sind. Es möchte nicht alleine liegen bleiben und dann wieder etwas trinken. Bis es 21.45 Uhr geworden ist und Papa, der heute mit dem Ins-Bett-Bringen dran war, und seinem Kind alle Wünsche erfüllt hat (so wie sonst auch Mama und Oma), zuerst eingeschlafen ist. 

Mama kommt irgendwann dazu, nachdem sie die Oma in ihrer Quarantäne noch einmal angerufen und dabei die Küche aufgeräumt hat. Jetzt muss bloß noch die Wäsche aufgehängt werden, und dann ist endlich Ruhe. Wie spät ist es jetzt wohl? 

Bei der letzten zahnärztlichen Untersuchung haben die Eltern die Aufforderung bekommen, sich mehr um die Mundhygiene ihrer Kinder zu kümmern. Aus der Kita kam die Botschaft, dass der Sohn sehr müde zu sein scheint, mittags längst nicht mehr schlafen will, dann aber aufgedreht ist und beginnt, aggressives Verhalten an den Tag zu legen. Ob sie als Eltern denn nicht genug Grenzen setzen würden? Vor allem die Oma würde ihn an ihrem Abholtag –meistens am Montag – mit Süßigkeiten ködern, damit er ohne Getöse mitkommt.

– Mit so einer ähnlichen Sachlage kommen Eltern zuweilen in meine Beratung, oder werden von der Kita mit Nachdruck geschickt, weil ihr Kind „auffällig“ ist. Nachdem die Situation beschrieben ist, kommt manchmal die Bemerkung: „Aber für die Kinder ist es in diesen Corona-Zeiten doch sowieso schon alles so schwierig! Da wollen wir abends nicht noch die kleinen Trostpflaster verbieten!“ 

Das kann ich gut verstehen. Die Atmosphäre hat sich durch das Tragen der Masken, Hygienepläne und das distanziertere Verhalten in der Öffentlichkeit spürbar verändert, und wir fragen uns, was das mit den Kindern macht. „Wir nehmen ihnen die unbeschwerte Kindheit“, habe ich oft gehört. Hinzu kommt die eigene Erschöpfung und das Genervtsein von manchen Maßnahmen gegen die Verbreitung des Virus. 

Ich glaube, dass das zwei verschiedene Paar Schuhe sind. Kinder brauchen klare und liebevoll eingeführte Strukturen, um von einer sicheren Basis aus diese verrückte Welt begreifen und verarbeiten zu können. Natürlich werden die derzeitigen Verhältnisse die Kinder in irgendeiner Form beeinflussen. Aber sie brauchen keinen Trost! Es ist ihr Leben! 

Kinder haben keinen Vergleich, wie es anders sei sollte; sie leben im Moment. Was sie brauchen, sind starke Eltern, die ihnen Halt geben, die ein ‚Standing‘ haben und genau dasselbe tun wie immer: über den Moment hinausdenken. Die Zähne werden länger bleiben als die Gefahr durch Corona – und brauchen Pflege! Schlaf ist unter allen Umständen wichtig! 

Trost geht von einem Defizit aus, das Kinder nicht unbedingt wahrnehmen. Sie werden manches Trostpflaster, das die Eltern ihnen aus Hilflosigkeit und Ermüdung schenken, nicht mit den Auswirkungen der Corona-Pandemie in Verbindung bringen. 

Also greifen Sie liebevoll ein und halten Sie Ihre Regeln ein – wie zum Beispiel, dass abends nach dem Zähneputzen bestenfalls noch Wasser getrunken wird, Windeln und Schnuller eine zeitlich begrenzte Daseinsberechtigung und Erwachsene ein Recht auf ihr eigenes Bett haben, jedenfalls die meiste Zeit. Investieren Sie Ihre abends nur noch reduzierte Energie in das Setzen nachhaltiger Strukturen. Und schlafen Sie lieber am Kinderbett ein, als von vornherein aufzugeben. Lesen Sie etwas länger vor, halten Sie Händchen, entspannen Sie gemeinsam, aber geben Sie Ihrem Kind klare Linien mit. Es wird sie in der Zukunft reichlich brauchen. 

Trösten Sie sich, grenzenlose Liebe und liebevolle Grenzen sind das Beste, was es gibt, mit oder ohne Corona-Pandemie!


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