Veröffentlicht am Di., 24. Nov. 2020 05:00 Uhr

Der Alltag mit Kindern ist wunderbar und herausfordernd – und manchmal beides gleichzeitig. Auf dem Evangelischen Campus Daniel berät Diplom-Pädagogin Martina Rohrbach Eltern in Fragen rund um Familienleben und Erziehung. Dieser Themenfundus und persönliche Beobachtungen sind die Inspiration für ihren wöchentlichen Blog „Familiensinn“.

Blog 13 – Die Geschichte anders erzählen: Sonnenstrahlen gibt es auch im November

In meinem Bekanntenkreis mehren sich die Leute in Quarantäne-Phasen und auch die mit realen Erkrankungen. In einem Fall ein schwerer Verlauf, in einem anderen ein leichter, aber ohne richtiges Ende. Manche Freunde dürfen es einfach nicht bekommen, also lebe ich mehr oder weniger auch in Quarantäne, damit diejenigen, die schon seit März nicht viel machen können, wenigstens manchmal ein unbeschwertes Treffen mit achtsamen Menschen in geschlossenen Räumen erleben.  

Am härtesten trifft die momentane Phase diejenigen, die Kinder in Kitas oder Schulen haben, die dann doch wegen positiver Testungen geschlossen werden müssen. Die Kinder trifft eine mögliche Erkrankung nicht so hart, aber die Eltern! Was tun, wenn die Klasse geschlossen wird, wenn alle wieder zu Hause sind? – Dann geht der Rummel von vorne los.  

Es ist nicht Frühjahr! Wir haben jetzt eine längere dunkle Jahreszeit vor uns und brauchen mal wieder Geduld und gute Ideen, wenn es hart auf hart kommt. Es ist so neu, was wir gerade erleben, dass es keine Vergleiche gibt. Wir kennen auch nicht all unsere Ressourcen. Die meisten von uns wissen nicht, was alles für Fähigkeiten und Zähigkeiten als Potential in uns stecken.  

Ich habe einen neuen Lieblingssatz gefunden: „Man kann die Geschichte auch anders erzählen!“ Wann immer ich in negative Bewertungen über Ereignisse oder Erlebnisse aus meinem Leben abrutsche, versuche ich, die Kurve zu kriegen und frage mich: „Ist das wirklich wahr?“ Ist die Situation tatsächlich nur so negativ, wie ich sie gerade aus meiner Perspektive wahrnehme? – Wenn ich es rechtzeitig merke, beginne ich dann, die Geschichte anders zu erzählen.  

Aber ich bin in meiner Lebensphase schon lange nicht mehr der Maßstab aller Dinge. Die Familien mit Kindern haben die Hauptlast zu tragen, und das wird gerade so sichtbar und spürbar wie nie. Vor allem Pflegekräfte aller Art, mit Kindern, vielleicht auch noch alleinerziehend, tragen gerade eine ungeheuer große Verantwortung. Wie kann man so eine Geschichte anders erzählen? „Es geht nur über politische Entscheidungen. Mehr Geld, mehr Anreize für existenzielle Ausbildungen und Berufstätigkeiten, mit dem Ziel von mehr gut bezahltem Personal. Wir müssen darauf warten!“ – „Ist das wirklich wahr?“  

Viele soziale und gemeinschaftsorientierte Gefühle, wie Empathie, Respekt, Toleranz, Großzügigkeit, konstruktive Auseinandersetzungsfähigkeit, Hilfsbereitschaft, Beziehungsfähigkeit und viele mehr waren unter Konsumverhalten, einem egoistischen Freiheitsverständnis und schnellen Ersatzbefriedigungen für fundamentale Bedürfnisse bei vielen Menschen über weite Teile verschüttet. – Aber sowohl die Erfahrungen mit der Ankunft vieler geflüchteter Menschen 2015 als auch Corona zeigen, dass wir in der Mehrzahl ein mitfühlendes Volk sind. Wir müssen buchstäblich wieder herunterkommen von alten Vorstellungen wie der Sicherheit allein durch Wirtschaftswachstum, und das braucht proaktive Zeit.  

Zu einer Zeit, als Kinderkrankheiten noch normal waren, konnte man beobachten, dass die Kinder anschließend einen Entwicklungsschub machten. Als wäre der „Shutdown“ des menschlichen Organismus durch eine schwere Infektion wie ein Anlaufnehmen für die nächste Etappe der Menschwerdung zu verstehen. Vielleicht bleibt ja diese Corona-Phase mit jeder Welle eine Chance, sich zu besinnen.  

Advent und Weihnachten rücken näher, angeblich die „besinnliche Zeit“. Ich habe sie – ehrlich gesagt – meistens als Stress und Hektik in meinem Umfeld erlebt, mit Konsumzwang, zuweilen Völlerei, Streit um Familienangelegenheiten, besonders bei getrennten Elternpaaren. Als Elternberaterin und Mediatorin habe ich da gut zu tun.  

Auch diese Geschichte wird in diesem Jahr hier und da vielleicht anders erzählt werden, wenn wir uns tatsächlich einmal „besinnen“: Was will ich eigentlich wirklich? Was ist mein Anliegen und das unseres Familienlebens? Wo schippern wir hin? Zum nächsten Statussymbol, der nächsten Ablenkung? Oder probieren wir es mal mit stressfreier Begegnung? Damit, Zeit miteinander zu verbringen, etwas zu spielen oder das Umland zu erkunden? Was ist mein Kurs, den ich oder den wir als Paar/Familie/Gemeinschaft nehmen wollen?  

Lassen wir doch die Wirtschaft in Ruhe ihren Transformationsprozess hin zur Erreichung der Klimaziele durchlaufen, indem wir Überflüssiges einfach nicht mehr kaufen und unser Lebensglück eher in Verbundenheit mit den Menschen finden, die uns umgeben und uns brauchen!


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