Veröffentlicht am Mo., 14. Dez. 2020 23:59 Uhr

Der Alltag mit Kindern ist wunderbar und herausfordernd – und manchmal beides gleichzeitig. Auf dem Evangelischen Campus Daniel berät Diplom-Pädagogin Martina Rohrbach Eltern in Fragen rund um Familienleben und Erziehung. Dieser Themenfundus und persönliche Beobachtungen sind die Inspiration für ihren wöchentlichen Blog „Familiensinn“.

Blog 19 – „Nur eines ist gewiss; nichts bleibt, wie es ist.“


Jeden Tag geht ein Türchen auf… 

 … mit neuen Informationen, was in den nächsten Tagen und Wochen geschehen oder nicht stattfinden darf. Es zieht sich alles hin, Zeit und Leben werden verschwendet, denn Entscheidungen müssen in unserem föderalen Parlamentarismus herbeigeführt werden wie ein störrischer Maulesel weg vom Wiesenrand. Und doch ziehe ich unser System einem nur ansatzweise totalitären vor.  

Ich nenne das gerne die Kollateralschäden der Demokratie. Wir üben noch! Unsere Politiker*innen reden noch alle durcheinander, begehen Fehler, warten auf Freiwilligkeit und Konsens, und trauen sich nicht, auch in unserem Rahmen klare Ansagen zugunsten von Leib und Leben der Bürger*innen zu machen, obwohl das Wertesystem auf dem Papier stimmt.  

In einem Beratungsgespräch per Zoom hörte ich neulich den Satz: „Wir können doch die ganze Weihnachtszeit als Achtsamkeitstraining nutzen!“ Was für eine grandiose Aussage! Genau das ist es, was Weihnachten ausmacht. Achtsamkeit üben! Ist es wirklich wichtig, dass immer alle beieinander sind, dass bis zum Sonntag vor Heiligabend gekauft werden kann, bis wir am Grund des Portemonnaies kratzen? Geht es nicht darum, dass wir uns verschenken, unsere Zeit, unsere Aufmerksamkeit und Achtsamkeit, und zwar denen, die da sind? In der kreativen Veranstaltungsform „Open Space“ heißt es so schön: „Die, die da sind, sind die Richtigen.“  

Es ist schwer, sich Dinge vorzustellen, die sich ereignen könnten. Ich kenne mehrere Menschen, die an Corona erkrankt waren, und will es nicht selbst erleben. – Soziale Verantwortung bedeutet, dass man diese Fähigkeit zur Fantasie hat oder erlernt. Ich gehöre zu denen, die sich manchmal zu viel vorstellen können, und muss dann wieder lernen, mich abzugrenzen, damit ich nicht in den Weltschmerz sinke. Aber was mir manchmal hilft, eigene Einschränkungen zu ertragen, ist die Einfühlung in andere.  

Gestern kam ich in Potsdam an einer kleinen Demo von Jugendlichen vorbei, die in Lichtersprache „ALL CAMPS ARE BAD“ geschrieben hatten. Ich machte ein Foto, schaute auf die Jugendlichen, die ausnahmslos eine Maske trugen und in kleinen Gruppen mit halbwegs Abstand sehr diszipliniert miteinander sprachen – im Hintergrund spielte Musik – und begann spontan zu weinen. Wenn ich eine Gruppe Menschen im Moment am meisten bemitleide, dann sind das die Flüchtlinge in den Lagern auf Lesbos und anderswo.  

Sie können nicht zurück und sie können nicht weg. Sie sind eingepfercht unter gnadenlosen Bedingungen, werden ausgegrenzt und im Stich gelassen. Am Wochenende zuvor führte mich mein Spaziergang ja auf das Tempelhofer Feld, wo die Unterkünfte für Flüchtlinge noch stehen, freigehalten für Menschen aus dem Camp von Moria. Aber sie dürfen nicht kommen, sondern hocken nach dem Brand unter noch viel schlimmeren Bedingungen auf der Insel fest, wo sie mittlerweile für ihre Anwesenheit verhasst sind. Und hier sind noch die Ärmsten im Gegensatz zu ihnen reich. Niemand müsste hungern oder nur auf der Straße leben. Alle haben ein Recht auf medizinische Versorgung und können sich frei bewegen.  

Wenn ich daran denke und dies auch fühle, fällt es mir leicht, trotz des chaotischen Schlingerkurses unserer Regierung froh und dankbar zu sein, dass ich in diesem Staat auf eine höchst privilegierte Weise beschützt werde. Es geht natürlich nicht allen so. Ich fürchte genauso um den Einzelhandel und die kulturellen Angebote, aber es wird alte und hoffentlich neue Wege zum Aufbauen geben.  

Wir haben die ganze Technik, aber nicht die Leute in den Kliniken und Heimen, um unseren Wohlstand zu bedienen und einzusetzen. Das ist unsere eigentliche Armut, dass so wenige Menschen pflegende und helfende Berufe erlernen wollen. Es lohnt sich für viele nicht – es sei denn, diese Tätigkeit ist ihr Herzenswunsch. Viele werden auch nur angelernt, weil sie so überhaupt eine Arbeit bekommen. Eine insgesamt unangemessene Situation für unseren Staat. Aber dieses Personal, das jetzt, ohne zu mosern in den Kliniken auf der Matte steht, hat meine absolute Wertschätzung. Ob es sich impfen lassen möchte oder nicht.  

Also, liebe Eltern, Kolleg*innen, und wer dies auch liest: Gehen Sie in der Weihnachtszeit in Ihr persönliches Trainingslager für Achtsamkeit. Mit sich selbst, den Personen, die Sie lieben, die Sie umgeben und an die Sie in diesem Jahr nur denken oder sie digital sehen können. Ich bin sicher, für viele wird es durch die neuen Erfahrungen vielleicht das wichtigste Fest ihres Lebens.


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Liebe Leserin, lieber Leser: Ich freue mich über jede Rückmeldung! Wer ein Wunschthema, positive Resonanz oder kritische Anmerkungen hat, darf sie mir gerne schicken. 

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Kategorien KK-Blog Familiensinn

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