Veröffentlicht am Do., 7. Jan. 2021 10:15 Uhr

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Aufgezeichnet in der Gedenkkirche Plötzensee – 28.12.2020

„Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.“ steht als Losung über diesem neuen Jahr, liebe Gemeinde! Dieser Vers aus der Feldrede Jesu im Lukasevangelium beschreibt die Herausforderung für 2021. Sie heißt: Barmherzigkeit!

Da scheint es fast widersinnig, dass wir dieses Jahr hier in dem wohl unbarmherzigsten Kirchraum im Kirchenkreis beginnen. Die Kirchengemeinde Charlottenburg-Nord hat uns für diesen Jahresbeginn hierher eingeladen. In keiner unserer Kirchen – vielleicht überhaupt in keiner anderen Kirche – wird Unbarmherzigkeit so drastisch ins Bild gesetzt, wie hier in der Gedenkkirche Plötzensee. Die Bilder des Plötzenseer Totentanzes von Alfred Hrdlicka spitzten die brutalistische Betonarchitektur der Gedenkkirche erbarmungslos zu. Die Bilder sind den brutalen Schandtaten geschuldet, die unweit von hier in den Plötzenseer Gefängnissen während der Nazi-Diktatur geschahen.

Die Zuspitzung war so gewollt vor 50 Jahren, als der Kirchraum erdacht wurde. Von der gnadenlosen Realität der Hinrichtungen in Plötzensee angefangen, über Motive aus Bibel und Gegenwart, bis hin zur Kreuzigung auf Golgatha stehen hier barbarische Szenen vor Augen. Es sind Szenen davon, was Menschen anderen Menschen angetan haben und immer wieder antun – von Kain und Abel – bis in unsere Gegenwart hinein. Die Botschaft wird damit unausweichlich deutlich: SO soll es nicht sein unter uns Menschen – so unbarmherzig darf es nicht zugehen, wo Menschen miteinander leben: kein Ausnutzen der Schwäche des Gegners, keine sexuelle Ausbeutung, keine Gewalt gegen politisch anders Denkende ... SO soll es nicht sein!

Wie soll es dann aber sein? Der Kirchraum und die Tafeln des Plötzenseer Totentanzes bieten wenig Antworten darauf. Die Jahreslosung ist ein Antwortversuch – und damit die Herausforderung: „Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.“ – damit es nicht SO zugeht unter uns Menschen!

Und wie geht das: Barmherzigkeit? Was gehört dazu? Wie kann ich mich barmherzig erweisen? Die Rede Jesu im 6. Kapitel des Lukasevangelium, aus der die Jahreslosung stammt, gibt ein paar deutliche Hinweise: Feinde lieben – Fluchende segnen – Gutes tun, ohne etwas dafür zu erhoffen – nicht richten und verdammen, sondern geben und vergeben – eigene Balken sehen VOR den Splittern der anderen. Sie können das ja einmal nachlesen in diesem Jahr.

Das meint barmherzig sein: Ein Herz zeigen, das sich erbarmt – oder der lateinischen miseri-cordias nachgespürt. Ein Herz zeigen für die „miseri“ – für die, die in der Misere, im Dreck, in der Not, in der Einsamkeit, in der Krankheit sitzen – oder die ermüdet gegen sie kämpfen. Mit ihnen barmen heißt: mit ihnen fühlen, sich in ihre Not-Lage versetzen. Dann fühle ich den Impuls, den anderen aus der Notlage herauszuhelfen – weil ich die Not als meine eigene wahrnehme.

Von einem Samaritaner, der das vorbildlich getan hatte, wusste Jesus eine solche „Barmens-Geschichte“ zu erzählen. Die kennen sie alle. Und „Sieben Werken der Barmherzigkeit“ kannte man schon in der Alten Kirche: Hungernde speisen / Dürstenden zu trinken geben / Nackte bekleiden / Fremde aufnehmen / Kranke und Gefangene besuchen / Tote begraben. Später ist die Sorge für Witwen und Waisen dazu gezählt worden und die Aufgabe, Unterdrückte aus der Übermacht zu befreien.

Da wird die Herausforderung für 2021 überdeutlich: Solch ein Bündel an guten Vorsätzen kann wohl kaum jemand abarbeiten, geschweige denn erfüllen – das klingt sofort nach Überforderung. Kann ich dann auch gleich lassen!

Ich frage mich: Komme ich da irgendwie raus?

Ich schaue mich hier in der Kirche noch einmal um und sehe auf das Emmaus-Bild. Da ist einer, der Brot teilt, so wie Jesus einmal Brot geteilt hat – als Zeichen der barmherzigen Zuwendung Gottes zu den Menschen. In diesen kleinen Brocken vom Brot des Lebens haben Menschen in den Plötzenseer Gefängnissen Gottes Begleitung, Gottes Mit-Sein, Gottes Barmherzigkeit erfahren. Kleine Brocken vom Brot – im Wortsinn: kleine „Bisschen“ der Barmherzigkeit – für das nächste Stück des Weges – sogar da, wo er an den Galgen von Plötzensee geführt hat. Gottes Barmherzigkeit!

Und ich höre auch noch einmal auf Jesus vom Anfang seines Weges in Nazareth. Da hat er ja irgendwie auch eine Version von Werken der Barmherzigkeit aus dem Buch Jesaja vorgelesen – wir haben das gerade gehört: Gefangenen Freiheit verkünden, Blinden eine neue Sicht und die Zerschlagenen in die Freiheit entlassen – ein ganzes Gnadenjahr Gottes hat Jesus in Aussicht gestellt. Ein ganzes Jahr aus Gottes Gnade – ein neues Jahr der Barmherzigkeit – ein ganzes Jahr – 365 Tage Zeit für Barmherzigkeit.

Und ich denke: 365 Tage so auf einem Haufen sind ziemlich viel. Und: Vielleicht kann es gerade deshalb gehen – nicht alles auf einmal, aber jeden Tag ein wenig Barmherzigkeit.

Keine Überforderung – ich darf auswählen – ich muss auch auswählen – alles kann niemand allein bewältigen. Aber jede*r ein bisschen – und jeden Tag ein bisschen – wie ein Brocken – ein Bisschen (!) eben vom Brot. 364 Tage lang habe ich noch Zeit dazu – und muss dann lange noch nicht aufhören. Aber spätestens von heute an gibt es keine Ausreden mehr!

Wie es nicht gehen darf unter uns Menschen – das können Sie hier in der Gedenkkirche Plötzensee an jedem Tag des Jahres nachschauen kommen, falls Sie es vergessen sollten – auch dazu ist solch eine Gedenkkirche ja da! Wie es aber gehen kann, dazu haben wir nun 364 Tage lang Zeit zum Üben – zum Einüben in Barmherzigkeit.

Und weil Sie gewiss heute damit gleich anfangen wollen, möchte ich Ihnen am Schluss ein gutes Beispiel empfehlen, falls Sie – was ganz unwahrscheinlich ist – nicht selbst auf gute Ideen kommen sollten: Schauen Sie doch einmal nach dem Huruma-Centre unserer Partnerkirche in Tansania. „Huruma“ – das ist nämlich die Suaheli-Übersetzung für Barmherzigkeit – das Huruma-Center – also das „Zentrum der Barmherzigkeit“ in Iringa in Tansania: In diesem Wohnprojekt für Kinder, die ohne Eltern aufwachsen, leben rund 40 Kinder. Sie werden dort mit allem Lebensnotwendigen versorgt: Essen und Trinken, Zuwendung und Bildung.

Dazu ist auch nach dreißig Jahren unsere Unterstützung noch notwendig. Zum Beispiel kann man regelmäßig das Schulgeld für ein Kind mitfinanzieren oder man kann die Existenz des Projektes einmalig unterstützen. Die Kontaktdaten dazu finden Sie auf unserer Website oder über unsere Superintendentur.

Nicht dass Sie mich falsch verstehen: das Huruma-Center ist sicher nicht die einzige Möglichkeit für das Üben von Barmherzigkeit. Es gibt davon unendlich viele „Bisschen“.

Und ich darf auswählen, ich muss sogar auswählen – jeden Tag ein bisschen – 364 Tage lang – und dann muss ich noch lange nicht aufhören – aber spätestens von heute an gibt es keine Ausreden mehr. Und auch wir werden wir uns im neuen Jahr gewiss wieder im Teilen des Brotes stärken und vertrauen, dass Gott barmherzig mit uns ist. So werden auch wir barmherzig miteinander sein. Möge es also ein gnädiges Jahr des Herrn für uns alle werden!

Amen.

Superintendent Carsten Bolz, 28.12.2020

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