Veröffentlicht am Di., 12. Jan. 2021 05:00 Uhr

Der Alltag mit Kindern ist wunderbar und herausfordernd – und manchmal beides gleichzeitig. Auf dem Evangelischen Campus Daniel berät Diplom-Pädagogin Martina Rohrbach Eltern in Fragen rund um Familienleben und Erziehung. Dieser Themenfundus und persönliche Beobachtungen sind die Inspiration für ihren wöchentlichen Blog „Familiensinn“.

Blog 26 – Aus dem Machtkampf ins Gespräch

Was in den USA stattgefunden hat, ist ein Symptom für eine ganz andere akute Pandemie in der Welt. Wenn ich dann noch an Brasilien, Ungarn, Polen, Russland, Belarus, Türkei, Iran, China, Nordkorea und viele mehr in Afrika denke, dann sehe ich Männer, alte Männer, vor mir - viele von ihnen despotisch oder tyrannisch, psychopatisch und narzisstisch, machtgierig, in jedem Falle steinreich. Ich beginne dann zu frösteln.

Wenn ich daran denke, wer in Zeiten der Pandemie die meisten Lasten zu tragen hat, dann sehe ich in erster Linie Frauen vor mir, viele junge Frauen, in der Rolle als Mütter, alleinerziehende Mütter, vermehrt als betreuende, helfende, pflegende, heilende und lehrende Arbeitskräfte.

Und wenn ich an meine tägliche Arbeit denke, dann sehe ich Elternpaare an der Grenze zur Überforderung, mit Streitigkeiten, verschärft durch die Begleiterscheinungen der Pandemie, noch zusammen oder getrennt, und mit mehr oder weniger großen Gräben zwischen sich, die sie sich selbst nicht erklären können.

Familie sind kleine demokratische Gesellschaften

Ich versuche immer, Zusammenhänge zu verstehen, weil ich glaube, dass sich alles in allem widerspiegelt, so wie in jeder Zelle das ganze Genom zu finden ist. In den USA steht zwischen den Anhängern der beiden einzigen großen Parteien etwas Ähnliches bevor, wie in meinen zu beratenen Familien, die sich polarisiert haben: Wie kommen wir aus einem Machtkampf zu einer neuen Gesprächsebene? Wie können wir als Paar und Elternpaar, als vielleicht getrennte Parteien, lernen, mit unseren Unterschieden in puncto Herkunft, Meinung, Charakter, manchen Werten und Erfahrungen umzugehen?

Wenn man eine Familie wie eine kleine demokratische Gemeinschaft sieht, geht es auch hier um Kommunikation, Austausch, Transparenz, Verhandlung, Partizipation, gemeinsame Entscheidungsfindung, und schließlich darum, aushalten zu können, wenn der oder die andere recht hat und man überstimmt wird.

Wie können wir immer wieder neu eine Offenheit füreinander herstellen und diese bewahren?

Ich habe neulich in einer Beratung mit einem Elternpaar einen ersten Schritt in diese Richtung vorgeschlagen. Sie kennen ja die Grundzüge der wertschätzenden Kommunikation:

Ich beschreibe in freundlichem Ton eine Wahrnehmung („Du hast den Müll nicht runtergebracht, obwohl ich dich darum gebeten hatte“), Sie äußern einen Wunsch („Wäre toll, wenn du daran denken würdest, wenn du sowieso runtergehst.“) und Ihr Bedürfnis dahinter („Ich habe immer den ganzen Haushalt zu überblicken und wäre froh, wenn du mich entlasten könntest.“). Jetzt kommt das Wichtigste: „Ich bitte dich, jetzt den Müll runterzubringen.“ Smile.

Es ist ganz einfach: Im ersten Schritt bitte ich Sie, eine Woche lang keine Erwartungen zu haben, sondern ihrem/r Partner*in gegenüber wechselseitig nur Bitten zu äußern. In dieser ersten Woche versuchen Sie, wann immer möglich, die an Sie gestellte Bitte zu erfüllen. Eine Woche lang nicht streiten, sondern einfach nur versuchen, die Bitten zu erfüllen, auch wenn es ungerecht erscheint, Sie keine Lust haben oder anderes dagegen spricht. Tun Sie es einfach, denn wer eine Bitte äußert, hat einen Grund, den Sie vielleicht nur nicht kennen.

Wenn es nicht sofort klappt: Seien Sie fehlerfreundlich und wiederholen Sie die Bitte konsequent, ohne sich aggressiv und enttäuscht aufzupumpen.

Wenn jemand eine Bitte äußert, hat das Gegenüber die Chance, ‚nein‘ zu sagen. In der zweiten Woche probieren Sie aus, wie es ist, eine Bitte abzuschlagen, und wie es sich anfühlt, wenn Ihnen der andere eine Bitte abschlägt, wenn die Erfüllung für den anderen oder Sie selbst gerade nicht passt. Eine Abwägung, die Sie sich gegenseitig zugestehen müssen.

Irgendwann nach der bewussten Übungsphase fällt voraussichtlich bei mindestens einem von Ihnen zuerst der Groschen, und dann klappt es mit der Verständigung. Diese Methode hilft übrigens auch mit Kindern. Diese Selbstdisziplin hat eine unglaubliche Wirkung auf Ihr ganzes Leben.


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Kategorien KK-Blog Familiensinn

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