Veröffentlicht am Do., 14. Jan. 2021 00:00 Uhr

Der Alltag mit Kindern ist wunderbar und herausfordernd – und manchmal beides gleichzeitig. Auf dem Evangelischen Campus Daniel berät Diplom-Pädagogin Martina Rohrbach Eltern in Fragen rund um Familienleben und Erziehung. Dieser Themenfundus und persönliche Beobachtungen sind die Inspiration für ihren wöchentlichen Blog „Familiensinn“.

Blog 27 – Die Magie der Schimpfwörter

Am Samstag stellte der Moderator Knut Elstermann in radio eins eine neue Serie auf Netflix vor, in der es um die Geschichte der sechs gebräuchlichsten Schimpfworte geht, vorgestellt von Nicolas Cage: “History of Swearwords“. Wow! In diesem Falle schade, dass ich kein Netflix abonniert habe. Zu große Suchtgefahr. Aber ein Zitat aus der Serie nehme ich als Idee auf:

„Wenn Sie auf eine einsame Insel müssten, welches Schimpfwort würden Sie mitnehmen?“

Schimpfwörter lassen sich vermutlich aus keiner Sprache wegdenken. 

Ein herrliches Thema! Wir brauchen Schimpfwörter und Flüche. Die halbe Rockmusik ist voll davon! Manchmal speien wir ein Gefühl mit einem Wort aus, und haben damit bittere Gefühle oder gar Schlimmeres entsorgt. Es ist auch ein Unterschied, ob ich jemanden direkt beschimpfe - das kann die Wirkung einer Ohrfeige haben und lässt sich nicht mehr ausradieren - oder ob ich manchmal vor mich hin fluche, weil ich mich gerade über mich selbst oder eine nicht gelungene Handlung geärgert habe.  Schimpfwörter lassen sich vermutlich aus keiner Sprache wegdenken.  

Oh mein Gott; ich habe selbst Sch**** gesagt!

Mir fällt dazu ein, wie schwierig es manchmal ist, damit umzugehen, wenn die eigenen Kinder (in der Regel die Jungs) anfangen, mit „üblen“ Schimpfwörtern um sich zu werfen, sobald sie im Kindergarten, in der Schule oder im Hort sind und sie von einem Kumpel, den sie bewundern, etwas aufgeschnappt haben, das sie manchmal noch gar nicht verstehen. Der andere traut sich was, und sie machen es nach. Stolz kommen sie mit ihrem neuen Wortschatz nach Hause und schon gibt es Ärger!  

Mir fallen zwei kleine Geschichten dazu ein. Als mein Sohn in dem Alter war - ich glaube, er war gerade in die Vorschulgruppe mit ein paar neuen Jungs gekommen - saß er eines Tages bei offener Tür auf der Toilette und warf mit seinem neuen Vokabular um sich. Ich hörte mir das von Ferne an und spürte seinen bedenkenlosen Spaß dabei. Okay, aber wehret den Anfängen! An der Klotür blieb ich in sicherer Distanz stehen und fragte, wo er die Wörter herhabe und ob er wisse, was sie bedeuten. Er wusste ganz genau, dass es nicht okay war und schämte sich wohl auch ein bisschen. Gut so!

Es gibt einen sehr guten Ort für fiese Schimpfwörter

Ich meinte zu ihm, er müsse das jetzt wohl auch einmal sagen. Er nickte. Es sei aber besser, wenn diese und andere beleidigenden Worte nicht in seinem Kopf rumspuken und von ihm laufend wiederholt würden, ergänzte die kluge Mutter. Das Klo sei genau der richtige Ort dafür. Ich schlug ihm vor, die Wörter jetzt einmal richtig laut auszusprechen und dann im Klo herunterzuspülen. Ein für alle Mal in unserem Zuhause! Gesagt, getan. Ich danke noch heute für diese Eingebung! Leider musste ich danach in Kauf nehmen, dass mir mein absolutes und inflationär gebrauchtes Lieblingswort „Sch…“ leider nie mehr von meinem Kind unbeachtet und unkommentiert herausrutschen durfte.

Mit Jugendlichen im Ferienlager - Sprücheklopfen mit Regeln

Die andere Geschichte begab sich gute zehn Jahre davor. Ich hatte nach dem Abi  für das Diakonische Werk im Sommer mehrmals ehrenamtlich Kinderreisen betreut. Unser Team von zehn jungen Leuten fuhr mit zwei Bussen und 72 Kindern zwischen 10 und 14 Jahren ins Allgäu, um den Kindern aus zumeist armen und sozial schwachen Familien drei herrliche Wochen zu bereiten. Und es war auch so! Das waren mit die tollsten Sommer meines Lebens, ohne Übertreibung.

Auf den Reisen hatten wir meist Jungenüberschuss, sodass es im Team nicht ganz aufging, und ich eine Jungengruppe übernehmen musste. Wir wollen raten, was jetzt kommt! Da ich mit weiblichen Merkmalen gut sichtbar ausgestattet bin, kam schnell der erste Spruch, sodass wir als Team klare erweiterte Ansagen gemacht haben: Alkohol, Zigaretten und Beleidigungen und erst recht Diskriminierungen von Mädchen sind tabu - oder es geht ab nach Hause. Subito! Dafür bekamen die Jugendlichen die Möglichkeit, abends vorm Schlafengehen in der internen Gruppenstunde alles zu fragen und erklärt zu bekommen, was sie wissen wollten.

Die Neugier an Schimpfwörtern ausbuddeln

Das sah dann so aus: Abends, wenn sie alle bis zur Nase zugedeckt im Bett lagen und das Licht ausgeschaltet wurde, damit nicht zu sehen war, wenn sie rot wurden, durften sie alles fragen. Und sie taten es! Alle beleidigenden Ausdrücke, und vieles darüber hinaus, wurden auseinandergenommen, erklärt, und auf den Boden der biologischen und sozialen Tatsachen gebracht. Meine übelsten Rangen kamen auf den Teppich und brachten jeden Abend neue Fantasien mit.

Niemand musste nach Hause fahren. Dafür haben wir Staudämme und Hütten und was nicht alles gebaut und gespielt. Wir haben uns mit ihnen beschäftigt bis zum Umfallen. Die Sommer waren ein Traum! – Ja, das war Mitte der 70er Jahre, und es könnte noch heute trotz Internet und Smartphones zumindest in diese Richtung gehen, wenn man sich auf die Bedürfnisse der Kinder in diesem Alter einlässt.  

Ich denke gerade, dass diese Erfahrungen der wichtigste Teil meiner ganzen Ausbildungen waren. Und wie „sch… schön“, dass ich sie heute noch verwenden kann!


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