Veröffentlicht am Di., 19. Jan. 2021 00:00 Uhr

Der Alltag mit Kindern ist wunderbar und herausfordernd – und manchmal beides gleichzeitig. Auf dem Evangelischen Campus Daniel berät Diplom-Pädagogin Martina Rohrbach Eltern in Fragen rund um Familienleben und Erziehung. Dieser Themenfundus und persönliche Beobachtungen sind die Inspiration für ihren wöchentlichen Blog „Familiensinn“.

Blog 28 – Übergänge – Wenn Türen sprechen könnten

‚The Doors‘ war eine berühmte Rockgruppe, die mich in meinen jungen Jahren immer sehr melancholisch gestimmt hat. Kein Wunder, denn ihr Frontman Jim Morrison ist im legendären Club der früh verstorbenen Musiker gelandet. Heute Morgen, in meiner geistig produktivsten Phase - kurz nach dem Aufwachen, aber noch vor dem Ankommen im neuen Tag - dachte ich an den Namen und glaubte, etwas zu verstehen. Wieso nennt sich eine Rockband „Die Türen“? - Und schon sitze ich wieder hier am Rechner und folge meiner Assoziationskette.

Ich habe ja eine therapeutische Ausbildung in Psychodrama, einer analytischen Methode der Gruppentherapie, manchmal auch therapeutisches Theater genannt. Hier eine ganz knappe Einführung, was ‚Psychodrama‘ bedeutet.

In meiner langen Ausbildung habe ich gefühlt alle Rollen gespielt, die man sich vorstellen kann: einen Stein, ein bestimmtes Buch, Einrichtungsgegenstände, Täter, Opfer, Tiere, Gott, Verstorbene, war im Krieg, im Luftschutzkeller oder in einer Traumsequenz. Und einmal spielte ich in einem Protagonistenspiel einer Kollegin auch eine Tür in ihrem Elternhaus. Diese Erfahrung blieb mir nachhaltig im Gedächtnis.

Die Tür, die immer knallte

Sie beschrieb, wie schrecklich es war, dass sich ihre Eltern immer bis aufs Messer gestritten hatten und ständig die Türen knallten. Sie war die jüngste von drei Kindern, in dieser Szene vielleicht 7 oder 8 Jahre alt. Sie hatte eine Erinnerung an viele lautstarke Auseinandersetzungen rund um eine bestimmte Tür, wenn sie an ihre Kindheit dachte. An den Folgen für ihr Leben hatte sie schon lange therapeutisch zu arbeiten versucht, aber bisher keinen Weg aus ihrem persönlichen Drama gefunden.

Sie bekam sofort psychosomatische Beschwerden, wenn jemand laut oder aggressiv wurde, und verhärtete in ihrem Körper und ihrem Herzen. Das war für ihre Partnerschaften als Erwachsene ausgesprochen hinderlich: Ohne die Fähigkeit, mit Streitereien umgehen zu können und nicht gleich jede Kritik als befürchtete Aggression auf sich zu beziehen, lief sie aus jeder Beziehung davon. Bis zu diesem Zeitpunkt wollte sie auch keine eigenen Kinder haben.

Die Erinnerung zerrt an den Klinken - und den Nerven

Da ich für meine robuste Spielfreude bekannt war, bekam ich in ihrem Spiel die Rolle der Tür, die häufig und laut geknallt wurde.

Mutter und Vater, und ab und an auch die Brüder, zerrten von beiden Seiten an den Türklinken (meinen Handgelenken, eines vorne, eines hinten) und brüllten mir in die Ohren. Ich wurde hin- und hergeschubbst, stand mal offen, um anschließend zugeknallt und von der anderen Seite wieder aufgerissen zu werden. Die An-Griffe der Mitspieler kamen von heißen Händen, und diese Temperatur übertrug sich auf mich. Ich spürte die Wut, Verzweiflung und überspielte Hilflosigkeit von beiden Seiten, die dem profanen Anlass gar nicht angemessen war.

Die Hitzigkeit entstand, weil auf beiden Seiten die ganzen ‚alten Klamotten‘ aus den grauen Vorzeiten hervorgeholt und dem anderen vorgeworfen wurden! Natürlich verdichtete unsere Protagonistin sämtliche negativen Erlebnisse in dieser Szene, sodass ich wie in einem zeitübergreifenden Boxring stand, immer kurz vorm k.o. - Mir lief der Schweiß und ich wurde heiser. Die Eltern stritten häufig wegen der Kinder, die hilflos dabei zuschauen mussten.Aber noch hielten meine Angeln; es war trotz allem Leidenschaft und Bindungskraft im Haus.

Das Feedback hilft bei der Lösung: Wie könnte es anders gehen?

Interessant war das Rollen-Feedback im Anschluss, denn ich war diejenige, die die Gefühle von allen Seiten abbekam und dann der Protagonistin spiegeln konnte.
Sie durfte sich dann eine andere Realität wünschen und baute daraufhin eine Szene auf, in der sich die Eltern Rücken an Rücken an die leicht geöffnete Tür zwischen ihnen lehnten und ruhig miteinander über ihre Gefühle und Bedürfnisse sprachen, von denen sie vorher gedacht hatten, dass sie sowieso nur enttäuscht werden könnten. Das war ein unglaublich beruhigender und berührender Moment für alle, und meine ‚abgegriffenen‘ und angestrengten ‚Klinken‘ konnten sich langsam senken und berührten leicht die Köpfe beider. Sie ließ ihre Eltern im Grunde ein „Zwiegespräch“ führen und den Beginn einer Versöhnung herbeiführen und erfüllte sich damit einen Kindheitstraum.

Sie konnte hier für ihr eigenes Leben mitnehmen, dass es immer eine Möglichkeit zurück in den erwachsenen Kontakt gibt, und sie die Freiheit der Entscheidung hat: Ob sie es so machen will, wie ihre Eltern es ihr vorgelebt hatten oder ob sie ihren eigenen Weg findet. Es wurde im Anschluss in der Gruppe viel geweint, aber auch gelacht, weil wirklich jede*r etwas zu diesem Thema an Erfahrungsschatz beizutragen hatte.

An den Türen findet häufig die „Übergabe“ der Kinder zwischen getrennten Eltern statt, wo auch die negativen Energien aufeinanderprallen. Übergänge sind für Kinder meistens hochgradig unsicher und belastend. Deshalb vergessen Sie bitte nicht, Türen leise zu schließen und immer wieder zu öffnen.


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Kategorien KK-Blog Familiensinn

Kommentare

Juliane Kaelberlah
Montag, 25. Januar 2021, 09:25 Uhr
Vielen Dank für Ihre Gedanken zum Blogbeitrag und alles Gute!
Rose
Mittwoch, 20. Januar 2021, 18:56 Uhr
Schöner Blog
die Türen... und das Psychodrama begreife ich nun auch... An mein eigenes mag ich gar nicht denken...
Lg, Rose

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