Veröffentlicht am Do., 21. Jan. 2021 00:00 Uhr

Der Alltag mit Kindern ist wunderbar und herausfordernd – und manchmal beides gleichzeitig. Auf dem Evangelischen Campus Daniel berät Diplom-Pädagogin Martina Rohrbach Eltern in Fragen rund um Familienleben und Erziehung. Dieser Themenfundus und persönliche Beobachtungen sind die Inspiration für ihren wöchentlichen Blog „Familiensinn“.

Blog 29 – Hätte, hätte, Fahrradkette

Manche Menschen klagen, dass der Impfstoff gegen Covid-19 viel zu früh gekommen sei, nicht lange genug erprobt, die möglichen Folgen noch nicht klar erkennbar. Gleichzeitig ist nicht genug da, der Start zu schleppend, und außerdem kommen am Anfang nicht alle Leute dran, die die Impfung gleich brauchten oder verdient hätten. Die einen finden dieses falsch, die anderen jenes. Hauptsache, es kann gemeckert werden. „Hätten die doch bloß …!“ – So könnte man meinen.

Die neuen Verordnungen lassen die Geduldsprobe nicht enden. Wie auch?

In meinem Regal stehen schlaue Bücher zum Thema „Lernende Organisation“. Alle Systeme, unsere Nation, Europa, ja die Welt, sind Ansammlungen sich ausdifferenzierender Prozesse bis in den Mikrokosmos des eigenen Körpers und der Seele. Als würde man mit Google Earth von weit oben durch sämtliche Schichten vorkommender Organisationsformen bis ins Eingemachte dringen. Lernen heißt bekanntlich Fehler machen, bis man zu günstigen Ergebnissen kommt.

So sehe ich, was sich gerade um uns herum abspielt, als Versuch und Irrtum im Umgang mit etwas bisher nicht Dagewesenem. Ich unterstelle den meisten unserer Politiker*innen dass sie es gut meinen, aber eben im Rahmen ihrer Wahrnehmungen und Systeme. Die Konkurrenzkämpfe, verschärft durch das Wahlkampf-Gerassel, gehören in unserer Demokratie nun einmal dazu, auch wenn es - mir jedenfalls - auf die Nerven geht. Noch fühle ich mich trotzdem beschützt, auch wenn meine Kritik wächst. Ich möchte, immer mal wieder betont, zurzeit in keinem anderen Land leben.

Trotzdem laufen wir unsere Schleifen durch alles, was mit „Home-" beginnt, und dabei geht auch den besten Eltern und wohlmeinendsten Menschen langsam die Puste aus. Also heißt es, wie beim Marathon, die Kräfte einteilen, den Traubenzucker rausholen und ruhig atmen, wenn man das Ziel heil erreichen möchte. Jetzt brauchen wir wieder die eine oder andere Trickkiste, die für positive Überraschungen sorgt, denn die produzieren bekanntlich Glückshormone.

„Die Leute sollen still sein“

Das schlug ein Virologe zum Thema „öffentliche Verkehrsmittel“ vor. Ist wirklich einfach umzusetzen: Maske auf und Klappe halten! Sich nicht unterhalten, nicht essen, nicht telefonieren. Aber was mache ich stattdessen, wenn ich ohnehin schon so viel auf einen Bildschirm starren muss? Da künftig mehr Bahnen und Busse eingesetzt werden sollen, so Fahrer*innen vorhanden sind (haha), gehe ich von einem Sitzplatz aus.

Übung 1
Gerade hinsetzen, gleichverteilt auf die vier Buchstaben, Wirbelsäule von unten aufrichten, Halswirbel locker halten, Kopf gefühlt an der Strippe hochziehen, Kinn leicht in Richtung Brust schieben, Schultern lockern und ruhig atmen. Wenn Sie merken, dass Sie kurz vor dem Einpennen sind, sind Sie großartig. Lassen Sie Ihre Gedanken durchlaufen, denn in diesem entspannten Modus sind sie bestimmt gut.

Übung 2
Ich nehme ein Buch mit. Ja, ein Buch! Ein leichte und entspannende Lektüre, die ein bisschen aus der Welt führt. Oder sogar Gedichte! Die sind ja völlig vergessen und freuen sich, wenn sie wieder ans Licht geholt werden: Mascha Kaléko, Erich Fried, Ringelnatz, Heinz Ehrhardt, Hesse, die Klassiker oder andere. Wichtig ist, dass es ein echtes Buch ist, damit Sie das haptische Erlebnis in den Fingerspitzen haben. Es erinnert an frühere Zeiten, vermittelt ein Heimatgefühl, und es hat einen Geruch. Je älter die Bücher, desto besser riechen sie. Schon mal bemerkt?

Übung 3
Grundhaltung wie Übung 1, aber bewusst träumen, sich etwas Schönes vorstellen: einen Ort, an dem Sie selbst bestimmen können, Kraft tanken, und vielleicht nicht alleine sind. Niemand kann in ihren Kopf schauen.

Übung 4
Worauf habe ich Appetit? Was brauche ich dafür? Wie kann ich dafür sorgen, dass ich es bekomme? Wann ist es so weit? Geben Sie Ihrem Geruchssinn und den Geschmacksnerven einen inneren Impuls, der den Speichelfluss anregt! (Ehemalige Corona-Patienten mit bestimmten Symptomen wissen das für immer zu schätzen!) In der Fantasie gibt es außerdem keine Kalorien!

Ich könnte endlos weitermachen, aber Sie wissen ja, wie es geht. Es gibt Leute, die für Seminare, in denen sie diese Vorgehensweise lernen, viel Geld ausgeben.
Und manchmal, wenn sich das häusliche Umfeld wie ein lärmender Tummelplatz anfühlt, und Ihre Nerven leicht zu zittern beginnen, weil zu viel los ist, hilft es auch da, sich vorzustellen, man sei auf seinem sicheren Platz in einem Zug, unterwegs zu dem inneren Ort der Stille, nur für einen Moment zwischendurch.

Ich gehe jetzt raus und hole mir beim Italiener eine Pizza!


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Kategorien KK-Blog Familiensinn

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