Veröffentlicht am Di., 26. Jan. 2021 00:00 Uhr

Der Alltag mit Kindern ist wunderbar und herausfordernd – und manchmal beides gleichzeitig. Auf dem Evangelischen Campus Daniel berät Diplom-Pädagogin Martina Rohrbach Eltern in Fragen rund um Familienleben und Erziehung. Dieser Themenfundus und persönliche Beobachtungen sind die Inspiration für ihren wöchentlichen Blog „Familiensinn“.

Blog 30 – Ein Blick über die patriarchiale Schwelle

Abgesehen davon, dass der größte Teil der Väter, die ich in meinen Beratungen treffe, aus der IT-Branche zu stammen scheint, ist mir noch etwas aufgefallen.

Es kommt wieder häufiger vor, dass hauptsächlich die Männer das Geld für die Familie verdienen. Auch die Zahl der Kinder steigt, und die Frauen sind in der Mutterrolle zu Hause, weil das ganze Familiensystem anders gar nicht funktionieren würde. Und in diesen Zeiten schon gar nicht, mit allem, das mit „Home…“ anfängt.  

Bei den Frauen setzt eine wachsende Unzufriedenheit ein, die auch zu vermehrten Konflikten mit den Kindern und auf der Paarebene führt. Vor Beginn der zweiten Frauenbewegung ab den 1970er Jahren – mit allen folgenden gesetzlichen Verbesserungen für die Frauen – war diese Lebensform eher die Normalität. Der Mann musste damals auch noch die Erlaubnis geben, wenn die Ehefrau arbeiten gehen wollte.  

Eigentlich könnten Mütter und Väter gleichberechtigt im Berufsleben stehen

Heute schreiben wir das Jahr 2021, aktuell unter Corona-Bedingungen. Die Gleichberechtigung ist leider noch nicht so weit fortgeschritten, dass Ausbildung, Karriere und Stellenbesetzungen dafür gesorgt haben, dass Frauen in der Familie für gleich hohe Einkommensverhältnisse sorgen können wie Männer. Ich möchte auch nicht verleugnen, dass die natürliche körperliche Disposition von Frauen (Schwangerschaft, Nestbautrieb, Geburt und Mutter-Kind-Symbiose mit der Stillphase) eine enge Bindung an die Kinder bedeutet. Das ist als psycho-biologische Tatsache zu allen Zeiten so gewesen.

Aber spätestens dann, wenn das Kind durchaus ohne die ganztätige enge Bindung an die Mutter auskommen kann, bieten unsere gesellschaftlichen Möglichkeiten und Vorstellungen von frühkindlicher Bildung durchaus Bedingungen, dass Mutter und Vater wieder als gleichberechtigte Menschen im beruflichen Leben unterwegs sein könnten. Eigentlich!

Die Frau managt vor allem das Zuhause, obwohl das vielleicht nie ihr Wunsch war

Schauen wir es uns an: Wir sehen zum Beispiel den gutverdienenden IT-Papa und die, sagen wir mal, schlechter verdienende Krankenschwester mit obendrein ungünstigen Arbeitszeiten. Oder den selbstständigen Rechtsanwalt oder Elektriker und die ausgebildete Sozialarbeiterin oder studierte Germanistin. Wie man das Ding dreht und wendet: Diese Konstellation bleibt ein gutes Argument dafür, dass der Mann das Geld verdient, und die Frau das Zuhause managt, obwohl das nie ihr Berufswunsch war.  

Fast alle Paare in so einer ähnlichen Konstellation, die bei mir landen, sind irgendwann vor eine Wand gelaufen, an der die Beziehung zu zerbrechen drohte oder zerbrochen ist. Das hat häufig weniger mit ihrer Liebe und Zuneigung zueinander zu tun, sondern mit der ganzen Überforderung durch unsere gewachsenen gesellschaftlichen Verhältnisse! Ich nenne diesen Moment die „patriarchale Schwelle“, die es zu nehmen gilt, wenn die Familie „gesund“ bleiben will.

Manche Väter investieren nach einer Trennung plötzlich mehr Zeit in ihre Kinder 

Wenn die Beziehungen auseinanderbrechen, ist es interessanterweise so, dass die Frauen aufgrund aktueller Gesetzeslage trotz ihrer Kinder arbeiten gehen müssen und die meiste Zeit über für die Kinder verantwortlich sind. Wenn das Paar nicht verheiratet war, sowieso. Gleichzeitig beobachte ich, dass manche Väter nach einer Trennung häufig mehr Zeit investieren und engagierter mit ihren Kindern verbunden sind als vorher. Plötzlich lässt sich das auch mit ihrer Arbeit vereinbaren, weil sie die emotionale Bindung zu ihren Kindern aufrechterhalten wollen.  

Ich frage mich, ob man mit diesen Möglichkeiten im Vorfeld so umgehen könnte, dass es gar nicht erst zu einer Trennung kommen muss! Es wäre einen Versuch wert, wenn ein Bewusstsein dafür vorhanden ist, dass die häuslichen Konflikte nicht nur als persönliche „Schuld“ wahrgenommen werden. Sondern auch als eine Herausforderung an einen Entwicklungsprozess, der in der notwendigen Breite bisher noch nicht stattgefunden hat.

Das Gehirn geht gern auf Nummer sicher - aber müssen Sie mitgehen? 

Man könnte also sagen, Männer und Frauen haben unterschiedliche, evolutionsmäßig und historisch gewachsene genetische Programme geerbt, die mit der Neuzeit nicht Schritt halten. Das Gehirn klammert sich immer an das Gewohnte und geht auf Nummer sicher. Damit also ein Mann auf eine Beförderung, Gewinnanteile oder berufliche Anerkennung zugunsten von entspannter und aktiver Familienzeit freiwillig verzichtet, müsste er es wirklich wollen und wissen, wofür er es tut. Das wäre wie ein Schwimmen gegen den Strom.  

Damit es dazu kommen kann, haben Frauen ein gegenläufiges Programm zu absolvieren, dass es nämlich nicht „ihre“ Kinder sind, und der Vater seine eigenen Erfahrungen in der Ausgestaltung der Elternrolle machen darf. „Ich bin okay, du bist okay!“ Es wäre die perfekte Liebeserklärung, sich gegenseitig in seiner neuen Rollenfindung zu unterstützen, und nicht darüber zu streiten, was richtig oder falsch ist, oder um freie Zeiten zu kämpfen. „Ich weiß, wie schwierig es ist, aber ich finde es großartig, wie Du das machst!“  

Kinder, die das bei ihren Eltern erleben, haben die beste Ausbildung, die man sich für sie vorstellen kann!


Sie haben eine Frage oder möchten sich beraten lassen? Schreiben Sie mir eine Mail an rohrbach@cw-evangelisch.de. Ich melde mich unmittelbar zurück und wir vereinbaren einen Termin für ein Telefonat oder ein Video-Meeting. Das Angebot ist kostenfrei und auf Wunsch anonym. 

Liebe Leserin, lieber Leser: Ich freue mich über jede Rückmeldung! Wer ein Wunschthema, positive Resonanz oder kritische Anmerkungen hat, darf sie mir gerne schicken. 

Grafik/Vorlage: created by Harryarts - www.freepik.com

Kategorien KK-Blog Familiensinn

Kommentare

Neuen Kommentar schreiben