Veröffentlicht am Di., 2. Feb. 2021 00:00 Uhr

Der Alltag mit Kindern ist wunderbar und herausfordernd – und manchmal beides gleichzeitig. Auf dem Evangelischen Campus Daniel berät Diplom-Pädagogin Martina Rohrbach Eltern in Fragen rund um Familienleben und Erziehung. Dieser Themenfundus und persönliche Beobachtungen sind die Inspiration für ihren wöchentlichen Blog „Familiensinn“.

Blog 32 – Erzähl mir von der Zeit danach ...  

…, wenn es sie denn gäbe! Wenn … dann…! Diesen Irrtum gibt es schon immer, dass alles besser würde, wenn bestimmte Bedingungen erstmal erfüllt sind: Wenn erst der Impfstoff da ist, wenn die Tage endlich wieder länger werden, wenn die Kitas und die Schulen wieder offen sind, wenn ich groß bin, wenn ich die große Liebe gefunden habe, wenn ich endlich in Rente bin, wenn, wenn, wenn  

… Es kommt aber meistens nicht, wie man es sich vorstellt. Das Leben ist jetzt!  

Trotzdem braucht jeder Mensch, jeden Alters und in jeder Situation, eine Vision und Ziele, für die es sich lohnt, einen mitunter anstrengenden Weg zu gehen. Heißt das nicht auch, so gut wie möglich die Liebe zu leben, die da ist?

Am vergangenen Sonntag war herrliches Winterwetter. Ich habe ein befreundetes Paar besucht. Er ist nach einem Schlaganfall halbseitig gelähmt und wird zu Hause insbesondere von seiner Frau gepflegt und von einer sehr solidarischen Mietergemeinschaft innerhalb einer Genossenschaft in Aktivitäten einbezogen. Wir drehten mit ihm im Rollstuhl eine ordentlich große Runde durch den Park und erfreuten uns an den vielen Schneefrauen und -männern und der Sonne. 

Meine Freundin sagte, sie wären coronamäßig nicht so ängstlich. Nun bin ich ja in dieser Hinsicht sehr vorsichtig und diszipliniert und war erst einmal verwundert. Nach dem Spaziergang zeigte mir meine Freundin Fotos von ihren drei Enkelkindern, wie sie bei ihrem Opa lagen, im krankengerechten Bett alle zusammen wie in einem Fahrstuhl hoch- und runterfuhren, und ganz spielerisch mit der Situation umgingen. Nein, ohne diese familiäre Nähe, mit einem gewissen Risiko, würden sie die Situation nicht ertragen können. Ich nahm beide zum Abschied angstfrei und herzlich in die Arme und machte mich mit dem Fahrrad noch auf den Weg zum Tempelhofer Feld.  

So viele junge Leute - mit Inline-Skatern, Rollschuhen, zu Musik tanzend, lachend, also in ausgelassener Freude über diesen schönen Tag - hatten sich in verschiedenen Strömen und Gruppen versammelt. Das ganze Feld wirkte wie ein einziges Aufatmen. In der endlosen Schlange am Kaffeestand wäre es mir zu eng gewesen; aber es wirkte nicht unachtsam. Schließlich hatte ich doch das Bedürfnis, eine Maske aufzusetzen, aber genoss die Atmosphäre aus vollem Herzen. Und ich freute mich für die jungen Menschen und Familien, dass sie draußen so viel Platz und Freiheit hatten, sich zu bewegen.  

Ich dachte nach. Wir werden noch sehr lange mit diesem Virus zu tun haben und uns nicht in Sicherheit wiegen können. Wir werden die Möglichkeiten ausreizen müssen, die uns Begegnung und Körperkontakt ermöglichen, mit einem gewissen Infektionsrisiko, aber mit grundsätzlicher Einhaltung der Regeln. Ein gesundes Verhältnis von berechtigter Angst und bewusster Lebensfreude entwickeln! Wer fährt denn nicht mal mit dem Fahrrad bei Rot über die Ampel, wenn weit und breit kein Auto und keine Fußgänger zu sehen sind, oder bleibt besser stehen, obwohl die Ampel auf Grün steht?  

Allgemeingültige und anerkannte Regeln dürfen den gesunden Menschenverstand und die Eigenverantwortlichkeit nicht ausschalten. Ich glaube, das wird die Kunst der bewussten Entscheidungen nicht nur in der nächsten Zeit, sondern überhaupt sein. Sollen doch die Politiker*innen, Unternehmer*innen und Wissenschaftler*innen nach dem Prinzip von Versuch und Irrtum durch das Labyrinth der unterschiedlichen Interessen schippern, sich gegenseitig dabei ärgern, sich auf die Füße treten und wieder zusammenraufen wie ein Haufen Geschwister in einer großen Familie!  

Am Ende muss jede*r lernen, für sich und gleichzeitig im gemeinschaftlichen Interesse zu entscheiden, was die besten Lösungen sind. Ich bin überzeugt, dass Vertrauen und Kontrolle nebeneinander existieren können, dass wir alle das Beste aus jeder Situation machen und lernen können. Wenn ich ängstlich bin, setze ich mir die Maske auf oder bleibe zu Hause; da brauche ich keine Vorschriften. Was nützt es, wenn die Maßnahmen gelockert werden, und ich mache dann vielleicht brav den größten Fehler meines Lebens?  

Ich glaube, genau das sollten wir alle lernen, wenn es heißt, dass wir mit dem Virus leben müssen, auch wenn die Infektionszahlen runtergehen. Wenn ich es mir recht überlege, dann ist das ein fundamentaler Einschnitt in unser ganzes Wertesystem. Ein wunderbares Thema für den Familientisch und den Unterricht!


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Kategorien KK-Blog Familiensinn

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