Veröffentlicht am Do., 4. Feb. 2021 00:00 Uhr

Der Alltag mit Kindern ist wunderbar und herausfordernd – und manchmal beides gleichzeitig. Auf dem Evangelischen Campus Daniel berät Diplom-Pädagogin Martina Rohrbach Eltern in Fragen rund um Familienleben und Erziehung. Dieser Themenfundus und persönliche Beobachtungen sind die Inspiration für ihren wöchentlichen Blog „Familiensinn“.

Blog 33 – Und wer sieht mich? Wenn die Jugend einsam ist

Ich hatte heute eine Beratung mit einem jugendlichen Pärchen, das auf dem Lande wohnt. Beide haben in ihren Elternhäusern Stress. Ich möchte gar nicht auf die Details eingehen, sondern nur auf die Umstände, unter denen ihre Probleme entstanden sind und die sich wohl nicht so einfach auflösen werden.

In dem einen Elternhaus hat das Elternpaar sehr früh Kinder bekommen, an der Zahl drei, und streitet sich vordergründig unentwegt über Haushaltsfragen. Es beschuldigt sich gegenseitig, faul zu sein. Er ist arbeitslos, hat einen Haufen selbstverschuldeter Probleme am Hacken und entsprechend üble Laune. Sie geht morgens arbeiten, kümmert sich um das kleine Kind und hat wohl noch üblere Laune. Das Ergebnis ist eine On-Off- Beziehung, die alle zermürbt. Der älteste der drei Söhne flüchtet sich so oft es geht zu seiner Freundin, die wiederum mit der unangenehmen Art des neuen Partners ihrer Mutter zu kämpfen hat. - Die beiden jungen Menschen mögen sich sehr, aber sie hängen gemeinsam in den Seilen und isolieren sich zunehmend. Niemand hört ihnen wirklich zu.

Ich möchte nicht wissen, wie vielen Jugendlichen es in der Republik so oder ähnlich geht, weil die Eltern mit sich, ihren Belastungen, Aggressionen und/oder Depressionen beschäftigt sind. Wahrscheinlich alles im fliegenden Wechsel, sodass sie den heranwachsenden Kindern wenig Halt geben können. Solange die Kinder noch klein sind, sind sie weitestgehend versorgt und beschützt, aber ab der Vorpubertät, wenn sich vor allem die Jungen in die Zockerei zu stürzen beginnen, geht der Kontakt zu den Kindern häufig verloren. In der Pubertät, wenn aus den Kindern junge Männer und Frauen werden, haben viele Eltern den Zugang zu deren Welten verloren.

Ich hatte heute Gelegenheit, etwas Einblick zu bekommen und musste feststellen, dass da nicht viele Ressourcen zu finden sind, wenn es sich nicht gerade um bildungsorientierte Haushalte handelt: Keine Begleitung beim ‚Homeschooling‘, keine Begrenzung beim Zocken, kein Zuhören bei den so wahnsinnig sensiblen Themen wie Beziehung, Sexualität, Unabhängigkeit, Bedürfnisse, eigene Wünsche und Visionen. Nix! Und das in Zeiten von Corona, in denen draußen noch weniger los ist als sonst.  

Ich fragte nach Interessen und Talenten. ‚Gute Frage‘ war die Antwort, denn bisher hatte die wohl noch niemand gestellt. „Ich wollte mal Fußball spielen, aber meine Mutter hatte keine Lust, mich immer zum Training zu fahren.“ 

Mir wurde mit einem Mal klar, dass wir in der Stadt vieles in Reichweite haben, dass hier mehr Menschen beieinander und mehr potentielle Bezugspersonen vorhanden sind. In dieser Hinsicht sind wir Städter eindeutig privilegiert. Da nimmt schon mal der Nachbar das Kind mit in die Kita oder zum Training, da wird (manchmal auch notgedrungen) mehr kommuniziert; wir haben Möglichkeiten, die auf dem Lande einfach fehlen. Damit meine ich keinesfalls, dass es in Dörfern keinen guten Zusammenhalt gibt oder Nachbarn sich nicht helfen. Aber dort, wo es weniger Menschen und Kontakte gibt, sind vor allem die Jugendlichen oft auf sich selbst gestellt. Sie halten aneinander fest und sind noch mehr auf den Verstand, die Vernunft und die Gefühle der Eltern angewiesen. Und leiden noch mehr, wenn von allem nicht ausreichend für sie vorhanden ist.  

Wenn mir im Homeoffice die Decke auf den Kopf fällt, gehe ich raus und sehe zumindest Schaufenster und Menschen, kann mir einen Gemüse-Dürüm holen und vielleicht im nahegelegenen Supermarkt etwas einkaufen. Wenn die beiden heute nach unserer Sitzung nach draußen gegangen sind, war es einfach nur dunkel und leer. Ich habe mir das nie so klargemacht! Brauchte ich nicht. Wenn ich an die allgemeine politische Situation denke, geht mir natürlich auf, dass der eigene Saft zum Schmoren nicht ausreicht. Es braucht viel mehr Anlaufstellen, Angebote und attraktive Treffpunkte für junge Menschen; Gesprächsmöglichkeiten, Alternativen zu Alkohol und Zocken.  

Die Lehrer*innen und die Ausstattungen der Schulen müssten doppelt so gut sein, die Begleitung in der Berufsfindungswahl noch intensiver, und die Liebe, die Zuwendung um Einiges erhöht, weil die Kompensationsmöglichkeiten für häusliche Defizite fehlen.  

Mein Blick auf die Menschen im unpolitischen oder mir entgegengesetzten politischen Lager wurde heute weicher, weil das Gefühl, abgehängt zu sein, der Realität entsprechen könnte. Um in der Einsamkeit, in einzeln stehenden Häusern gut leben zu können, braucht es sichere und gesunde Wurzeln, Naturverbundenheit und Freude an körperlicher Betätigung, wenn man manchmal als Jugendlicher weite Strecken mit dem Fahrrad zurücklegen muss, um Freunde zu treffen. Kirchen, Jugendverbände und Sportvereine spielen hier eine ganz wichtige Rolle, damit Resonanzfelder aufgebaut werden können.

Ich habe großen Respekt vor den beiden, dass sie heute mit mir gesprochen und mir etwas von sich anvetraut haben. Ich möchte nicht schwarzsehen!


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Kategorien KK-Blog Familiensinn

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