Veröffentlicht am Do., 11. Feb. 2021 00:00 Uhr

Der Alltag mit Kindern ist wunderbar und herausfordernd – und manchmal beides gleichzeitig. Auf dem Evangelischen Campus Daniel berät Diplom-Pädagogin Martina Rohrbach Eltern in Fragen rund um Familienleben und Erziehung. Dieser Themenfundus und persönliche Beobachtungen sind die Inspiration für ihren wöchentlichen Blog „Familiensinn“.

Blog 35
Goldene Regeln - Was Paare und Familien von Volleyballern lernen können

Die Welt des Sports ist für manche Leute eine ganz wichtige rettende Realität. Umso schlimmer, dass wir im Moment bestenfalls Zuschauer hochbezahlter Champions sein dürfen, jedenfalls, was den real stattfindenden Mannschaftssport betrifft.  

Ich spiele gerne mit Metaphern aus dem Bereich der Sportarten, die ich selber betrieben habe. Als ich in grauer Vorzeit eine der ersten Damen-Fußball-Spielerinnen - beim Berliner Post SV - wurde, waren wir in der Mannschaft zwischen 17 und 40 Jahre alt. Ich war die Jüngste. Unser Trainer war ein gemütlicher, etwas dickbäuchiger Idealist, der uns alles Wichtige beibrachte. Aus diesem Training geht meine Lieblings-Metapher hervor: „Mädels, ihr müsst den Ball erst stoppen, bevor ihr schießt! Nicht wild in die Gegend schießen, sondern erst hochgucken, und dann dahin schießen, wo ihr ihn haben wollt! Wir spielen hier nicht Pingpong!“ Auch ohne Ball versuche ich, dieses Prinzip immer noch zu beherzigen.  

In Konflikten gibt es oft das Reiz-Reaktions-Schema, und ein Streit entsteht und eskaliert, wenn es auf diese atemlose Art hin und her geht, ein Wort das andere gibt. Also anhalten (hinhören), Luft holen, und dann überlegen, wie man reagieren will, bevor man wild in die Gegend schießt.  

Beim Tennis (habe ich nur mal probiert) gibt es die berühmte Grundlinie, an der man am besten auf einen Aufschlag vorbereitet ist, um mit dem ganzen Feld im Blick einen guten Return starten zu können. Beim Badminton aber, einer meiner Lieblingssportarten, ist man am besten in der Mitte aufgehoben, um in alle Richtungen beweglich zu bleiben. Das Spiel ist so schnell und flexibel, dass man es selbst auch sein muss. Der Vorteil ist, dass man richtig draufhauen kann, ohne sich anzustrengen, wenn man die richtige Technik draufhat. Außerdem tut man niemandem weh, weil der Abstand durch ein Netz gewahrt bleibt. Ein sehr elegantes und intelligentes Spiel! Es ähnelt einer hitzigen Diskussion auf hohem Niveau, bei der es um gute Argumente geht, ohne sich gegenseitig zu verletzen.  

Beim Volleyball wechselt man die Positionen und muss sowohl gute Aufschläge draufhaben als auch am Netz schmettern und von hinten baggern können. Jede*r Spieler*in hat besondere Fähigkeiten, muss aber trotzdem in jede Position, und die anderen stellen sich darauf ein.  

„Ach Schatz, koche du doch, du kannst das besser!“  Nee, nee, was ist, wenn sie auch besser staubsaugen, bügeln und Windelnwechseln kann? „Ich hole das Geld rein, weil ich doch mehr verdiene, und du bleibst eben zu Hause!“ Wenn manche Paare und Familien eher wie beim Volleyball miteinander umgehen würden, hätte ich weniger Trennungsmediationen zu begleiten. Sie würden auch mal die Plätze, also Verantwortlichkeiten wechseln, damit alle Mitglieder sich in ihrer Entwicklung vervollständigen und zufrieden sein können.  

Mir fällt noch das Klettern ein. Als etwa 12-Jährige war ich im Berliner Alpenverein, Sektion Spree-Havel, weil mein doppelt so alter großer Bruder kletterte und mich an den langen Wochenenden mit in den Harz und ins Altmühltal nahm. Da gab es recht schwierige Klettersteige, und ich lernte, am Seil zu gehen, mich abzuseilen und einen Kamin hochzuklettern. Wenn ich abgerutschte, bekam ich eine „Nähmaschine“: Die Nerven drehten von dem Schreck durch, und ich musste warten, bis der Fuß wieder ruhig stehen konnte. Alle am Seil mussten darauf warten.  

Was für eine wunderbare Metapher! Wenn eine*r ein Problem hat, emotional ein bisschen abgestürzt oder in der Trotzphase, der Pubertät oder im Klimakterium ist, den Job verloren, die Klassenarbeit versemmelt hat oder krank geworden ist, können alle anderen nicht einfach ihr Ding weitermachen, sondern hängen am selben Seil. Sie helfen einander, bis alle wieder festen Boden unter den Füßen haben. Klingt das nicht hoffnungsvoll?  

Beim Basketball haben diejenigen einen Vorteil, die groß gewachsen sind, weil sie dem Korb einfach näherkommen und ihre Arme länger sind. Ich kann nicht von jemandem erwarten, dass er/sie genauso gut mit einer Situation umgehen kann wie ich, wenn die Voraussetzungen unterschiedlich sind, meistens familiengeschichtlicher Ursache.  

Und schließlich meine Lieblingsdisziplin, der Marathon. Da steht und fällt es mit der Einteilung. Wie habe ich es genossen, wenn auf den letzten 10 Kilometern die jungschen Kerle, die in Selbstüberschätzung zu schnell gestartet waren, am Wilden Eber die Krämpfe kriegten und japsten, während ich leichtfüßig mein Tempo hielt und sogar erhöhte, weil ich mit einem soliden Puls von 140 gerannt bin. Ich überholte sie lächelnd und nahm manchmal noch einen ins Schlepptau. Es war mein Triumph, dass ich meine Kräfte einteilen konnte und ein Gefühl für ‚Timing‘ hatte. Es war mir völlig egal, auf welchem Platz ich ins Ziel einlief, Hauptsache ich kam an; aber schließlich war ich viel schneller als erwartet.  

Was nützt denn die teure Hütte und das hohe Jahreseinkommen, einer der vorderen Plätze in der Hierarchie der Firma, wenn Burnout oder gar ein Herzinfarkt hinter der nächsten Kurve lauern, weil man sie zu scharf genommen hat? Es geht darum, auf das Gesamte zu schauen, die Unzufriedenheiten der anderen genauso im Blick haben und auch mal individuell etwas verlieren, um gemeinsam gewinnen zu können!


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