Veröffentlicht am Di., 23. Feb. 2021 00:00 Uhr

Der Alltag mit Kindern ist wunderbar und herausfordernd – und manchmal beides gleichzeitig. Auf dem Evangelischen Campus Daniel berät Diplom-Pädagogin Martina Rohrbach Eltern in Fragen rund um Familienleben und Erziehung. Dieser Themenfundus und persönliche Beobachtungen sind die Inspiration für ihren wöchentlichen Blog „Familiensinn“.

Blog 38 Wo ist das Gras grüner? Der "Buridanische Esel"

Ich hatte eine Konferenz mit den Ausbilder*innen für Mediation vom Bundesverband Mediation, kurz BM. Eine Frage war, wie man Mediation in einer sich immer weiter polarisierenden Welt in hoch eskalierten Konflikten einsetzen kann, und was die Mediator*innen in der Ausbildung dafür lernen und später können müssten. - Puh, ein komplexes Thema!



Mir fiel der nach dem französischen Philosophen Jean Buridan (1300–1358) benannte Esel ein, der zwischen zwei Heuhaufen steht, sich nicht entscheiden kann und schließlich verhungert; sehr kurz gesagt. Buridan berief sich in seinen Kommentaren auf die Lehren des Aristoteles (384–322 v. Chr.). Im philosophischen Kontext bezieht sich die Metapher auf die Frage nach der Willensfreiheit, die bei zwei gleich starken Motiven zu eben jenem Hungertod des armen Esels führt.

Nun ist diese Situation natürlich mathematisch konstruiert, denn wer steht schon exakt in der Mitte zwischen zwei genau gleichen Sträuchern? Aber gefühlsmäßig wird es häufig so empfunden, wenn man nicht ganz genau hinschaut.

In meiner Fantasie erweiterte sich das Bild zu dem, was ich in vielen Paarmediationen erlebe. Zwei Menschen (ich bitte um Verzeihung, denn ich möchte niemanden mit einem Esel vergleichen) sind aneinander gebunden, durch Kinder, einen Trauschein, ein Haus, ja, ein gemeinsames Leben. Sie haben ein Problem. Nehmen wir irgendein Thema, zum Beispiel ganz aktuell den Umgang mit den Beschränkungen durch COVID-19.

Ein Part schaut nach links zu dem Busch, aus dem ein Schild für die „Angst“ (Untertitel „Vorsicht“) vor Ansteckung oder möglicher Übertragung ragt, was dem bekannten Charakter der Person entspricht. Manche Regelungen der Politik erachtet er für völlig blödsinnig, aber die Frage, sich nicht daran zu halten, stellt sich ihm gar nicht.

Der andere Part schaut auf den Busch, aus dem das Schild mit der Aufschrift „Wut“, Untertitel „Freiheitsberaubung“ ragt. Diese Person konnte schon immer auf eine aufmüpfige Art und Weise Leben in die Bude bringen und an dem Seil (die Bindung) den Partner*in aus der Ängstlichkeit locken.

Umgekehrt hat der vorsichtige Partner*in manche Überreaktion mit bösen Folgen verhindern können. Beide Charaktere haben einen eigenen Wert für den jeweils anderen. Und nun stehen sie da in der Mitte und zerren aneinander, weil beide meistens auf „ihren“ Busch schauen. Sie streiten sich um jede Kleinigkeit und verbrauchen Unmengen an Energie, ohne an ihre Blätter ranzukommen. Das Ende (der Beziehung) naht!

Da sitze ich nun vor meinem Bildschirm und versuche, den beiden Menschen dabei zu helfen, einen Ausweg zu finden. Was steckt eigentlich dahinter? Wie haben sie bisher immer wieder in die Mitte (Gemeinsamkeit mit dem weiten Blick) gefunden? Ich kann hier nur Stichworte liefern, weil es sich schon um einen etwas längeren Prozess handelt, da herauszukommen.

Der erste Schritt wäre, die Emotion zu erkennen, die dahinter steckt. Eine*r hat immer mehr Angst oder Wut als der andere. Die Verschiedenheit hat ja die Anziehungskraft mit sich gebracht und schließlich zu einer Bindung geführt.

Der nächste Schritt wäre das genauere Zuhören, was denn konkret diese polaren Gefühle auslöst. Meistens hockt einem wieder mal das „innere Kind“ auf dem Schoß, das einfach sein Recht haben möchte und gar nicht zuhören kann. Das möchte erst mal gefüttert werden. „Ja, ich kann verstehen, dass dich das aufregt!“ oder „Ich kann deine Einstellung noch nicht nachvollziehen, aber da du sie hast, werde ich sie mir erstmal anhören!“ oder „Was wäre, wenn es einen von uns erwischen würde? Streiten wir wir dann um Schuld oder pflegen wir uns, damit wir uns erhalten bleiben?“

Wenn die Gefühle und die dahinter liegenden Bedürfnisse gewürdigt (wenn auch nicht unbedingt verstanden) werden, geht meist schon viel heiße Luft in den Äther. Dann beginnt ein positiver Klimawandel in der Beziehung. Wenn es dann noch gelingt, durch die Augen des anderen auf sich selbst zu schauen und durch den Perspektivwechsel erkennen zu können, was den anderen aufgrund unserer verschiedenen Charaktere an mir aufregen könnte, wäre es an der Zeit, über sich zu lächeln.

Ein weiterer Schritt wäre dann, zu schauen, wie in früheren Situationen zu anderen Themen die Spannungen gelöst wurden. Meistens sind auf beiden Seiten mehr Ressourcen vorhanden, als im Augenblick des Konfliktes zur Verfügung stehen.

Und noch ein ganz heißer Tipp, wenn wir schon bei den „inneren Kindern“ sind: Die wollen meisten auf den Schoß oder in den Arm genommen werden, weil ihre seelischen Wachstumsschmerzen so weh tun. Bei Kindern versteht man auch nicht alles, was sie im Innern wirklich bewegt.


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