Veröffentlicht am Do., 25. Feb. 2021 00:00 Uhr

Der Alltag mit Kindern ist wunderbar und herausfordernd – und manchmal beides gleichzeitig. Auf dem Evangelischen Campus Daniel berät Diplom-Pädagogin Martina Rohrbach Eltern in Fragen rund um Familienleben und Erziehung. Dieser Themenfundus und persönliche Beobachtungen sind die Inspiration für ihren wöchentlichen Blog „Familiensinn“.

Blog 39 „Oma, erzähl mir von früher, vor Corona“ – Ein fiktives Gespräch

„Ach, mein Schatz, du warst noch so klein, dass du dich gar nicht mehr daran erinnern kannst. Das war die Zeit, in der wir alle noch Erkältungen, Magen-Darm- und grippale Infekte als normal empfunden haben. Da wir bis 2019 noch keine Atemmasken tragen mussten, haben wir einander lustig angesteckt, weil wir wussten, dass wir die Krankheiten locker überstehen konnten. Das waren noch Zeiten!  

Die Menschen hatten eine Riesenfreude daran, sich möglichst eng auf Großveranstaltungen zusammenzudrängen. Es gab Konzerte in großen Hallen und kleinen Clubs, Diskotheken, volle Geschäfte, überfüllte Schulklassen und was ich besonders liebte Milongas mit vielen unbekannten Tangotänzern. „Drei Minuten für die Ewigkeit“, nach vier Liedern wurden die Tanzpartner wieder gewechselt, damit man sich nicht zu sehr an jemanden gewöhnt. Ich war zweimal in Buenos Aires, mein Schatz, und glaub mir, ich hätte die Corona-Zeit nicht überstanden, wenn ich nicht manchmal die Augen schließen und mich in meiner Fantasie dort hätte hinbeamen können.  

Es war aber auch die Zeit, in der du ganz früh jeden Tag in die Kita gebracht wurdest, weil Mama und Papa immer so viel gearbeitet haben. An manchen Tagen wärst du gerne lieber zu Hause geblieben, gerade wenn du im Winter wie gewöhnlich Schnupfen hattest; aber das ging nicht. Manchmal habe ich dich früher abgeholt, um in Ruhe mit dir zu spielen. Das war auch die Zeit, als dein großer Bruder in die Traurigkeit hinter seinem Monitor verfallen war.

Du hast auch fast jedes Wochenende deine Uroma besucht und mit ihr viel Spaß gehabt, bis sie leider an Corona starb. Es war die Zeit damals, als sich noch alle unbefangen bei der Begrüßung um den Hals gefallen sind. Man hielt keinen Abstand, im Gegenteil!  Man durfte auch in fast alle Ecken der Welt reisen, wenn man es sich leisten konnte. 

Es war auch die Zeit, in der sich Greta Thunberg auf die Brücke in Stockholm gesetzt hat und „Fridays for Future“ gegründet wurde. Weißt dDu, es war nicht alles besser. Die Menschen waren ständig nur in Eile, der CO2-Ausstoß war viel zu hoch, die Solidarität unter den Menschen ließ nach, weil jeder in erster Linie auf sich selbst achtete. Der Klimawandel hing schon wie ein Damoklesschwert über uns, aber die wenigsten konnten die Erkenntnis zulassen, wie gefährlich die Erderwärmung bereits geworden war.  

Als COVID-19 das erste Mal auftauchte, haben sich die meisten Menschen überhaupt nicht vorstellen können, wie viel Geld ein Staat wirklich lockermachen kann und worauf wir alles verzichten können. Ohne Fußball, Muckibude oder welchen Sportverein auch immer leben zu können, war vielen unvorstellbar! Wer hätte Homeschooling-selfmade auch nur erahnen können? Sämtliche konsum- und bildungsorientierten Selbstverständlichkeiten fielen den AHA-Regeln und dem Lockdown zum Opfer.

„Oma, glaubst du, wir hätten den gesellschaftlichen Wandel auch ohne Corona geschafft?“

„Ja, also, ich glaube nicht. Ihr jungen Menschen, die ihr damals aus dieser kranken Welt gerissen wurdet und Achtsamkeit lernen musstet, seid auf einen neuen Weg geschickt worden. Schau mal, deine Eltern haben damals ihr Geschäft verloren und mussten sich total umstellen. Papa war mit dir zu Hause und hat entdeckt, wie schön das ist. Die Schulden haben ihn zuerst stark belastet, aber wenn er in deinen Augen die Freude darüber gesehen hat, dass Ihr mehr Zeit miteinander verbringen konntet, hat das vieles aufgewogen. Ohne Corona hätte er nie seinen neuen Beruf angefangen, mit weniger Geld, aber mehr Zeit. Dein großer Bruder hat plötzlich seinen Vater als Vorbild haben können und ist rechtzeitig in die reale Welt zurückgekehrt. Sie haben gemeinsam ein neues Geschäft aufgebaut, eigentlich ganz altmodisch. Jetzt bauen sie zusammen ultramoderne Tiny Houses!

Und du, mein Schatz, hast gar nicht mehr diese Ansprüche an persönlichen Besitz kennengelernt. In bin so stolz auf dich, dass du mit anderen gemeinsam dafür sorgen willst, dass die Welt besser wird. Ihr Kinder aus der Corona-Zeit seid überhaupt nicht traumatisiert, wie damals von allen befürchtet wurde, sondern ihr habt euch auf euren eigenen Weg gemacht, um CO2 schnellstmöglich zu reduzieren, indem ihr einfach anders lebt! Es erinnert mich sehr an meine alten Hippie-Zeiten (hihi), aber ihr habt wesentlich mehr Verstand und angewandte Intelligenz dabei!

Du gibst mir die Kraft, ganz alt werden zu wollen, um viel mitzubekommen, was ihr daraus macht; obwohl die Welt nicht einfach zu ertragen ist. Ihr müsst unsere Fehler und Unterlassungen ausräumen; aber ihr packt es an. Durch Corona ist der Zug das erste Mal aus der Schiene gesprungen, und es folgten harte Jahre; aber ihr Kinder von damals, macht mir wieder Mut, dabei sein zu wollen!

Und ganz ehrlich: Seit ich ganz selbstverständlich eine Atemmaske aufsetze, wenn ich es für richtig halte, bin ich diese schrecklichen Erkältungen los. Und die Freundschaften sind besser geworden. Außerdem hatte ich mich endlich auf den Weg gemacht, eine Wohngemeinschaft zu finden, weil ich nie mehr so alleine sein wollte wie während der ersten Corona-Jahre. Die „Omas for Future“ tun mir auch gut, denn wir haben noch viel gutzumachen!


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