Veröffentlicht am Di., 16. Mär. 2021 00:00 Uhr

Der Alltag mit Kindern ist wunderbar und herausfordernd – und manchmal beides gleichzeitig. Auf dem Evangelischen Campus Daniel berät Diplom-Pädagogin Martina Rohrbach Eltern in Fragen rund um Familienleben und Erziehung. Dieser Themenfundus und persönliche Beobachtungen sind die Inspiration für ihren wöchentlichen Blog „Familiensinn“.

Blog 42 www – Wie wird’s Wetter?


Ich tue mich augenblicklich schwer mit den meteorologischen Turbulenzen. Endlich hatten wir einen richtigen Winter mit Frost, Schnee und Eis, da liefen die Ersten schon mit Vogelgezwitscher im Ohr im T-Shirt draußen herum - bis die Temperaturen wieder in den Keller gingen. Jetzt geht es hin und her. Ich habe das Gefühl, dass sich Politik und Wetter irgendwie synchronisiert haben. "Öffnen? Nein - doch - nicht ganz, Schließen? Vielleicht wieder! Impfen? Aber wen? Testen?" Ankündigungen, Versprechungen, Verschiebungen, Enttäuschungen, Ausbrüche. Ich würde sagen, dass Pandemie und Wahlkampf eine ganz missliche Konjunktion darstellen.

Wir spielen „LoLo“, Lockdown mit Lockerungen! Nein, ich schimpfe jetzt nicht als „Groll-Bürger“ auf das „Inzidenz-Hopping“. Ich träume weiter und rede drüber.

Wieso setzt man nicht Schüler*innen verschiedenen Alters mit unterschiedlichen Wissenschlafter*innen an einen bzw. mehrere Tische, ebenso die Vertreter*innen aus den verschiedenen Branchen des Einzelhandels; und die Finanz- und Steuerexperten mit Jurist*innen und Volkswirtschaftler*innen, um diesen wahnsinnigen Unterschied zwischen Gewinnern und Verlierern dieser Pandemie auf rechtlich sicherem Boden auszugleichen?  

Ich bin sicher, dass die Leute aus der Gastronomie und Unterhaltungsbranche längst supergute Ideen und Konzepte haben, die sie gemeinsam mit Epidemiologen in passende Hygienekonzepte verwandeln können. Künstler, Denker und Dichter, her damit! Das nennt man Partizipation! Außerdem sind Maßnahmen, die unter Bürgerbeteiligung entstanden sind, viel glaubhafter als die ganzen Haken, die unsere Politiker*innen ‚von oben‘ hin und her schlagen, während sie sich in ihrer Rangelei im bürokratischen Sumpf als unfähig für ein schnelles Handeln im Umgang mit der Pandemie erweisen. Wenn das langsame Tempo wenigstens die Demokratie stärken würde!  

Was spricht gegen interdisziplinäre Arbeitsgruppen, die sich mit den Besonderheiten jeder Branche so auseinandersetzen, dass wir auch ohne scharfen Lockdown mit sehr viel Selbstverantwortung ein öffentliches Leben ‚safe‘ mit geringen Ansteckungsgefahren erlernen können? Wir werden uns an diesen neuen mutierenden Mitbewohner auf dem Planeten ohnehin gewöhnen müssen, bevor die Weltbevölkerung weitgehend immun dagegen ist. Jede Polarisierung muss vermieden, die Leute sollten eingeladen und abgeholt werden! - Aber was brauchen wir dafür?  

Ich habe aus meinem Küchenfenster einen freien Blick auf einen Spielplatz. Jetzt habe ich etwas Interessantes beobachtet. Die Erzieherinnen eines Kinderladens, die wochentags täglich mit ihren Schutzbefohlenen erscheinen, sind Stammkunden in meinen privaten Studien.

Meistens spielen die Kinder, manche etwas verloren und orientierungslos, während die pädagogischen Fachkräfte wie in einer Wagenburg stehen, bei Kälte sichtlich frierend, einander zugewandt, und miteinander reden. Seit Corona stehen sie etwas weiter auseinander. An einer anderen Stelle sehe ich drei Mädchen, ebenfalls mit größerem Abstand, die offensichtlich das Verhalten der Erwachsenen imitieren. Zwei Jungs kabbeln sich im Sand, und eines der Mädchen geht sofort hin, um mit ihnen zu schimpfen. Ich hatte den Eindruck, die Mädchen taten, was sie tagtäglich erleben und als ‚erwachsen‘ empfinden.  

Oh, wie einfach könnte die sogenannte „Erziehung“ gelingen, wenn sich die Vorbilder dessen bewusst wären, dass die Kinder sowieso alles nachmachen und per Identifikation übernehmen. Bei sich selbst anzufangen, ist so ein kraftvoller Hebel, der die Zukunft sichern könnte.

Wenn ich keine Gewalt will, darf ich nicht schimpfen. Wenn ich Freundlichkeit, Höflichkeit, Mitgefühl, Einfühlungsvermögen, Solidarität und Nachhaltigkeit säen möchte, muss ich es selbst leben. Alles andere wäre auch gemein, weil die Kinder verrückt gemacht würden! Laut mit „Benimm Dich anständig!“ angeraunzt zu werden, wäre so ein klassischer Doublebind, mit dem man die Psyche von Kindern massiv schädigen kann, weil sie von einem abhängig sind! Sie wissen noch nicht, was richtig ist, sondern glauben, was sie erleben.  

Aber wo wollte ich eigentlich hin? Ach, ja! Die Beteiligung von kleinen und großen Menschen an Entscheidungen über ihre Belange schafft Vertrauen, Motivation und im besten Falle Ehrgeiz. Teil einer Gruppe, einer „Herde“ zu sein, fördert besondere Einzelleistungen und gegenseitige Anerkennung. Der Erfolg, der aus dieser Vernetzung hervorgeht, hat wiederum Vorbildcharakter und wird vielleicht im positiven Sinne zur Mode.  

Schauen Sie einfach in den Spiegel und sprechen sich selbst Mut zu.


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