Veröffentlicht am Di., 20. Apr. 2021 00:00 Uhr

Der Alltag mit Kindern ist wunderbar und herausfordernd – und manchmal beides gleichzeitig. Auf dem Evangelischen Campus Daniel berät Diplom-Pädagogin Martina Rohrbach Eltern in Fragen rund um Familienleben und Erziehung. Dieser Themenfundus und persönliche Beobachtungen sind die Inspiration für ihren wöchentlichen Blog „Familiensinn“

Blog 47 - Kinder nach der Trennung: Vom Wechsel- zum Ergänzungsmodell


Mir lässt das Thema aus Blog 45 noch keine Ruhe. Irgendetwas fehlt meiner Meinung nach in der Betrachtung der Frage, wie getrennte Eltern am besten für ihre Kind sorgen können. Natürlich muss der Alltag in machbarer Weise organisiert werden und die Eltern sollten anstreben, sich die Verantwortung gleichberechtigt zu teilen – wenn keine inhaltlichen Gründe dagegensprechen.
 

Was mir fehlt, ist der konsequente Blick vom Kind aus. Und den kann man von Richter*innen nicht erwarten, genauso wenig wie von zerstrittenen Eltern, weil sie mit sich beschäftigt sind. Aber auch, wenn sich Eltern friedlich einigen, wird diese Perspektive nicht unbedingt ausreichend behandelt.  

Mir kam neulich der Gedanke, dass es fast ein Paradigmenwechsel wäre, wenn das Denken vom „entweder – oder“, also dem Wechsel, zum „sowohl als auch“, der Ergänzung, gewandelt würde. Ähnlich wie beim Kompromiss, der besser in einen Konsens weitergeführt werden sollte.  

Nehmen wir ein klischeehaftes, einfaches Beispiel: Mama ist liebevoll und ordentlich, die Tochter hat super geflochtene Zöpfchen, die sie so sehr liebt, die Brotbox und die Trinkflasche sind immer unter Kontrolle. „Safety first“ heißt die Maxime. Niemals geht es ohne Helm aufs Rad, und in der Kita oder Schule wird auch immer pünktlich gelandet. Die Sachen liegen ordentlich im Schrank, denn das Kind braucht Struktur, liebevoll und konsequent eingeführt. Auch soll der Tagesteil in Fremdbetreuung möglichst begrenzt sein, was eine 40-Stunden-Arbeitsstelle der Mutter ausschließen würde.  

Papa arbeitet hart und vollumfänglich, bleibt abends schon mal länger im Büro, hat also bisher einen deutlich geringeren Anteil an der Zu-Bett-Geh-Situation gehabt und präsentiert im Häuslichen eher zwei sogenannte linke Hände. War aber okay, denn er kümmerte sich um die materielle Sicherheit, was Mama bisher eine zeitlich begrenzte Arbeitsstelle ermöglicht hat.  

Seit Corona hat sich jede Bewertung erübrigt, denn beide sind am Limit, weil sich ihr Aktionsplatz ausschließlich im Home-Office-Betreuungs- und Servicecenter abspielt.

Die Beziehung hat es irgendwann nicht mehr geschafft, und jetzt geht es um die Umgangsregelung. Papa will unbedingt das Wechselmodell; auch, weil bei zwei Haushalten sonst alles sehr teuer wird.  

Mama sagt, das könne er doch gar nicht. Er habe keine Ahnung von Kindererziehung, schon gar nicht von Mädchen. Er entgegnet, er möchte kein Wochenendvater sein, und verspricht trotz seiner vielen Arbeit eine sichere Betreuung, denn er habe ja noch seine Mutter, die ihn unterstütze. –  

Wie geht man nun mit diesem Konflikt um? Welche Entscheidungsparamenter hätte bei einer Eskalation ein*e Richter*in, um zu beurteilen, was dem Kindeswohl am ehesten entspricht? Abgesehen von den permanenten kleinen Traumatisierungen, die wie ein andauernder Steinschlag auf das Kind herabgehen!  

Wenn ich mich als Anwältin des Kindes verstehe, dann schaue ich, was es wirklich braucht.

Natürlich Eltern, die sich verständigen können, nachdem sie die akute Konfliktphase überwunden haben, und zwar unabhängig davon, wo das Kind sich häufiger aufhalten wird.  

Es sollte ein paar Dinge sicher wissen:

  • Auf wen kann ich mich in welchem Fall verlassen?
  • Wo ist mein sicherer Ort oder meine Orte?
  • Welche Eigenschaften beider Elternteile kommen mir zugute?
  • Worüber kann ich mit meinen beiden Elternteilen jeweils lachen?
  • Wer hat Struktur und kann Grenzen setzen?
  • Wer hat wann mehr Lockerheit, um meine Fehler ungestraft machen zu können?
  • Wo fühle ich mich beschützt, wenn ich krank bin? – Und viele Fragen mehr. 

Wenn es das Ziel ist, dass sich ein Kind von seinen beiden Elternteilen rundum versorgt fühlt, weil beide ihre besonderen Eigenschaften von Genauigkeit bis Wurschtigkeit, von sehr emotional und eng bis distanzierter und eigenständiger einbringen dürfen, weil alles seinen Wert hat, dann geht niemand vor Gericht. Dann macht man eine Bilanz und schaut, welche zeitliche Verteilung an welchen Tagen verbindlich festgelegt, aber auch flexibel angepasst werden kann. Das kann durchaus 50:50 sein oder werden, wenn es passend ist.

Und dann schaut man, was jeder hat, was machbar ist, was das gut versorgte Leben des Kindes kostet und entscheidet gemeinsam. Auch die Düsseldorfer Tabelle ist nur eine Orientierung für diejenigen, die nicht wissen, was das Leben eines Kindes wirklich kostet und welche berechtigten Ansprüche ein Kind haben kann.  

Liebe Mütter, Sie sind nicht die Eigentümerinnen Ihrer Kinder und nicht der Maßstab aller Dinge, denn auch die „Unzulänglichkeiten“ der Väter haben einen Wert für Ihre Kinder. Und Sie, liebe Väter, müssen am Anfang nicht perfekt sein, sondern dürfen und sollten lernen und üben.  

Wenn Sie nach dieser Perspektive Ihre Entscheidungen fällen, haben Sie ihre Trennung wirklich vollzogen und können erfolgreich Eltern bleiben. Solange Sie um Prinzipien streiten, haben Sie die Beziehung nur als „Verletzte“ abgebrochen. Es lohnt sich, für Ihre Kinder das Leben trotz allem „ganz“zumachen, also einander realistisch zu ergänzen.


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