Veröffentlicht am Di., 27. Apr. 2021 00:00 Uhr

Der Alltag mit Kindern ist wunderbar und herausfordernd – und manchmal beides gleichzeitig. Auf dem Evangelischen Campus Daniel berät Diplom-Pädagogin Martina Rohrbach Eltern in Fragen rund um Familienleben und Erziehung. Dieser Themenfundus und persönliche Beobachtungen sind die Inspiration für ihren wöchentlichen Blog „Familiensinn“

Blog 48 - Ärger, nichts als Ärger? Ein Crashkurs in Rationalität


Wir alle haben die Faxen dicke, wie es in Berlin so schön heißt: Endlose Pandemie-Warnungen, Impfstoff-Chaos, Bund gegen Länder, und dann noch der Wahlkampf mit der Preisfrage, ob Testosteron das Mittel der Wahl für eine Kanzlerschaft ist. Geduldige Menschen sollen angeblich erfolgreicher sein, weil sie richtige Momente abwarten können und seltener emotionsgesteuert den langen Gang durch die Fettnäpfchen antreten. Obwohl das nicht immer der schlechtere Weg sein muss, denn dann kennt man sich wenigstens aus.  

Wenn wir den Blick auf die kleinen bis noch zu Hause wohnenden großen Kinder richten, dann fragen sich vor allem Fachleute, wie sich die Situation auf deren Zukunft auswirkt. Wir wissen es nicht. Anpassungsfähigkeit ist für Kinder das wichtigste Überlebensmittel: Da sie viel mehr im Moment leben, machen sie meist aus jeder ungewöhnlichen Situation etwas, obwohl sie eigentlich gerade Sicherheit durch Gewohntes brauchen. Ich bin ehrlich gesagt nicht so pessimistisch, weil ich allen Nachwachsenden per se viel zutraue, wenn man ihnen Zutrauen gibt. Auch zwei Jahre Corona können dann gut verarbeitet werden.  

Ich frage mich manchmal, was das Zaubermittel sein könnte, um mit all den Widrigkeiten des Lebens durch die Pandemie, der Aussicht auf wirtschaftliche Verluste und den Folgen der Erderwärmung bei der weltweiten Politik durch wenig verantwortliche Führungskräfte klarzukommen, ohne sich und anderen den Alltag zu versauen.  

Ich habe die Vermutung, dass es scheinbar ganz banal der Umgang mit persönlichem Ärger ist! Wenn ich einen Riecher habe, der meine Aufmerksamkeit mit zielsicherer Genauigkeit auf den ganzen Blödsinn, Irrsinn und die kleinen und großen Ungerechtigkeiten in dieser Welt richtet, bin ich verloren. Dann gehen wir alle miteinander in den Abgrund und werden nicht mehr herausfinden, wer daran schuld ist.  

Im Alltag scheint es um nicht so dramatische Dinge zu gehen, aber wenn in der Wohnstube, der Küche oder im Kinderzimmer ständig Ärger nachgeladen wird, der seine Aerosole durch die Luft schweben lässt, ist das schöne Lebensgefühl auch versaut.  

Soll man also den Ärger unterdrücken, bis man platzt? Natürlich nicht! Wenn er da ist, braucht er eine Gestalt, aber welche?  Schütte ich ihn ungefiltert und emotional raus, bekomme ich welchen zurück. Verstehe ich mich aber prinzipiell als Eigentümer meines Ärgers, der nur auf Auslöser wartet, habe ich eine Chance, mein aufgebauschtes Adrenalin zielführender einzusetzen. Im Grunde ist es zusätzliche vitale Energie, die ich steuern kann. Wenn es mir also gelingt, innezuhalten, und den Raum zwischen Reiz und Reaktion zu betreten, kann ich mich orientieren, die Situation checken und überlegen, ob ich sie ändern kann oder meine Haltung ändern muss, um nicht im Ärger vernebelt hängen zu bleiben.  

Wenn ich den Zwischen-Raum verlasse, brauche ich ein Ass im Ärmel und eine klare Sicht auf die Dinge, die ich wirklich ändern kann. Ja, das klingt nach Arbeit, nach Denksport und Selbstbeherrschung, um wieder rational handlungsfähig zu werden. Das Ass heißt Konsequenz! Wenn ich weiß, dass ich den Kampf in jedem Fall verliere, gehe ich nicht in den Ring, sondern wähle eine andere Sportart.  

Am Abend des Ostersamstags wurde ich auf ansonsten menschenleerer Straße von einem jungen Mann mit Rennrad bei seinem waghalsigen Überholmanöver zwischen parkenden Autos in enger Einbahnstraße total überrascht und von meinem Rad geholt, sodass ich mit ziemlicher Wucht buchstäblich auf die Schnauze gefallen bin. Er hatte eine kleine Funzel statt einer Lampe an seinem Rad und klingelte nicht. Trotzdem war er laut Polizei völlig im Recht, weil ich wie immer langsam in die Einfahrt kurz vor meiner Tür einbiegen wollte und kein Handzeichen gegeben habe. Ergebnis: Nase gebrochen, Lippe zerschossen, Brille kaputt, Knie aua. Die halbe Nacht habe ich auf der Rettungsstation verbracht und wahrscheinlich bleibende Erinnerungen im Gesicht.  

In 98 Prozent der Fälle trage ich einen Helm, wenn ich mit dem Rad unterwegs bin, aber auf menschenleerer Straße für die kurze Strecke hatte ich es mir gespart. Und meine Verkehrsrechtsschutzversicherung ist leider nicht für Radunfälle zuständig, sodass die Überprüfung meiner Alleinschuld noch teurer würde. Außerdem kann man so ein regenbogenfarbenes Gesicht für eine Weile nicht in die Zoom-Kamera halten, obwohl man mit dem Alter eh nicht hübscher wird. Ich hatte allen Grund, mich zusätzlich schwarz, blau und grün zu ärgern über diese dumme Geschichte!  

Ich gebe zu, dass der Akt der inneren Auferstehung über Ostern (mit Nahrungsaufnahme durch den Strohhalm) wirklich eine Herausforderung war. Mein Trick ist die Frage: „Was kann ich aus der Situation, auch wenn es noch so ein dummes Pech war, für mich lernen?“  

  • Fahre nie ohne Helm und verhalte dich im Straßenverkehr immer altersgemäß und achtsam.
  • Prüfe deine Versicherungen und Verträge genau, bevor du sie abschließt
  • Freue dich über das, was alles nicht passiert ist.
  • Gönne und organisiere dir die Zeit und Ruhe, die du für Heilungsprozesse brauchst; du musst gar nichts und kannst um Hilfe bitten!
  • Lass Perfektionismus und Eitelkeit los und lächle wieder, sobald der Schorf aus dem Gesicht verschwunden ist!
  • Du wirst noch gebraucht, so wie du bist!


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