Veröffentlicht am Di., 4. Mai. 2021 00:00 Uhr

Der Alltag mit Kindern ist wunderbar und herausfordernd – und manchmal beides gleichzeitig. Auf dem Evangelischen Campus Daniel berät Diplom-Pädagogin Martina Rohrbach Eltern in Fragen rund um Familienleben und Erziehung. Dieser Themenfundus und persönliche Beobachtungen sind die Inspiration für ihren wöchentlichen Blog „Familiensinn“.

Blog 49 - Ein Jahr nix gelernt? Weshalb Schüler*innen keine Opfer sind  


Eine neue Studie des Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung an der Universität München e.V. (ifo) hat belegt, dass den Schulkindern drei Stunden Lernzeit am Tag fehlen und sich durch Bewegungs- und Kontaktmangel physische und psychische Folgeschäden ergeben. Und natürlich trifft es am schwersten die ärmeren und bildungsferneren Familien, denn für manche Kinder aus privilegierten Verhältnissen ist die fehlende Schulzeit sogar gewonnene Lernzeit, die sie alleine sehr gut nutzen können. Auch die gesteigerte Mediennutzung wird beklagt, obwohl bestätigt wurde, dass viele Kinder jetzt über eine höhere Medienkompetenz verfügen als vorher.  

Mich stört an dieser empirisch zwar sicher korrekten Analyse die Interpretation, die verkürzt durch die Medien geht. Und was nützt sie den Kindern, die sich nicht dagegen wehren können? Der Corona-Drops ist gelutscht, es sei denn das Bildungssystem wird dadurch generell auf den Prüfstand gestellt und verbessert.  

Menschen, insbesondere Kinder, lernen immer! Es gibt seit über einem Jahr weniger Schulzeit mit angeleitetem Unterricht, in Präsenz oder online. Beides sagt aber nichts über das tatsächliche Lernpotential aus. Die Kontakte, der Wettstreit, die zwischenmenschliche Kommunikation und Wärme, aber auch die Konflikte fehlen natürlich und verändern das Lern- und Lebensklima. Was aber die Kinder in der Corona-Zeit wirklich gelernt haben, wird sich erst viel später zeigen.  

Kinder, die zu Hause sitzen und nichts mit sich anfangen können, weil sie von ihren vielleicht weniger engagierten Lehrern nicht gut begleitet werden, wurden unter Umständen auch schon im Präsenzunterricht suboptimal motiviert, sich Stoff anzueignen. Auch die Fürsorge der Eltern spielt hier eine Rolle.  

Lehrer*innen, die ihre Lernchance ergriffen und Schulen, die gute Systeme aufgebaut haben, konnten wahrscheinlich trotzdem einen anregenden und differenzierten Distanzunterricht auf die Beine stellen, von dem auch schwächere Schüler*innen profitiert haben.  

Natürlich haben sich auch in diesem wie in allen gesellschaftlichen Bereichen die vorhandenen Klüfte weiter aufgetan. Ich verwehre mich aber dagegen, dass die Schüler*innen durch so eine Studie in eine „Opferrolle“ geschoben werden, aus der sie nach Meinung von Erwachsenen nur defizitär herauskommen können. Nein! Alle haben Neues gelernt, aber es passt nicht unbedingt ins bisherige Curriculum.  

Warum gibt es bisher keine Studie, die genau andersherum angelegt ist? Die Frage wäre hier, was Kinder in den verschiedenen Altersstufen in dieser Zeit gelernt haben, um diese Erkenntnisse für eine Verbesserung des Bildungssystems zu nutzen. Sollte nicht die Motivation zu selbstständigem Lernen und die individuelle Beratung und Begleitung in solchen Zeiten gestärkt werden? Und sind die Lehrer*innen dazu in der Lage und selbst motiviert? Sind die technischen Voraussetzungen vorhanden?  

Die Probleme liegen meiner Meinung nach nicht bei den Schüler*innen, die angeblich nicht genug lernen, weil Unterricht fehlt und sie deshalb automatisch in Defiziten hängenbleiben. So könnte man die Studienergebnisse jedenfalls hören und bewerten. 

Die ganze Corona-Krise ist eine einzige Lernzeit für alle! Hat sich bisher jemand für Impfstoffe, Inzidenzen, also angewandte Mathematik, oder die Arbeit auf Intensivstationen interessiert? Wir brauchen mehr denn je Fähigkeiten wie Geduld, sind mit uns selbst konfrontiert, ohne uns ablenken zu können, müssen Rücksicht auf andere nehmen, um nicht nur uns selbst vor Ansteckung zu schützen. Darüber hinaus gilt es, mit Atemmasken und Tests umgehen zu lernen, den Begriff „Globalität“ ganz praktisch zu erfahren, Konsumverhalten nicht hemmungslos und kompensatorisch ausleben zu können, mit ‚Zeit‘ anders umgehen zu lernen und sich die Digitalität als Werkzeug positiv zunutze zu machen.  

Zu Hause miteinander klarzukommen, obwohl jede*r Einzelne eine hohe Belastung und eine entsprechend schwankende Stimmung hat, gehört auch dazu. Natürlich hat auch die Gewalt in Familien zugenommen, aber viele haben gelernt, Rücksicht aufeinander zu nehmen, Auseinandersetzungen zu führen, sich zu arrangieren und dem anderen Platz zu lassen.

Ich wünsche mir, dass mit dem Blick der Würdigung aufeinander geschaut wird und nicht noch Probleme heraufbeschworen werden, die sich vielleicht auch wieder „verwachsen“, wie man bei anderen Wunden manchmal sagt.  

Bildung, Bildung, Bildung! Ja! Sie findet 24 Stunden am Tag statt, sogar im Schlaf.

Verstärkte Aus- und Fortbildung von Lehrer*innen, bessere Ausstattung der Schulen und Unterstützung von Schulkonzepten, die sich stärker an den Ergebnissen der Lern- und Hirnforschung orientieren; eine materielle Grundsicherung für ärmere Familien und bezahlbarer Wohnraum; das wären meine Forderungen!  

Und wie schon häufiger erwähnt, ist mein Vorschlag, die Schüler*innen an Zukunftsprojekten basteln zu lassen, sie an der Lösung der Probleme zu beteiligen, die unsere Politiker*innen nun wahrlich nicht besonders kompetent auf die Reihe bekommen. Motivation und Begeisterung, weil man an wichtigen Aufgaben und Zielen mitwirkt: Das ermöglicht, Sinnzusammenhänge zu erkennen und wiegt vieles auf. - Hätte da etwa mehr Unterricht geholfen oder eher selbstständiges Denken?    


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