Veröffentlicht am Di., 18. Mai. 2021 00:00 Uhr

Der Alltag mit Kindern ist wunderbar und herausfordernd – und manchmal beides gleichzeitig. Auf dem Evangelischen Campus Daniel berät Diplom-Pädagogin Martina Rohrbach Eltern in Fragen rund um Familienleben und Erziehung. Dieser Themenfundus und persönliche Beobachtungen sind die Inspiration für ihren wöchentlichen Blog „Familiensinn“.

Blog 51 - "Angst essen Seele auf" - aber nur, wenn man es zulässt


Unsere Psyche hat die wunderbare Fähigkeit, Gefühle und Ängste verdrängen zu können, solange wir nicht in der Lage sind, sie auszuhalten und zu verarbeiten. Kinder brauchen diesen inneren Schutz, weil sie sonst manche Situation nicht überleben würden. Auch Kriegsteilnehmer*innen, ob Militär oder Zivilisten, und Flüchtlinge hätten viele der Belastungen niemals ertragen, wenn diese Art von ‚Selbstnarkose‘ in unerträglichen Situationen nicht eintreten würde. Leider sind diese schmerzvollen Erfahrungen nicht weg, sondern warten auf Gelegenheiten, auf Trigger, um ans Licht zu kommen und zur Verarbeitung freigegeben zu werden.  

Manchmal brechen sie sich unverhofft Bahn, z. B. in Form von Panikattacken oder Angstzuständen, die nicht unmittelbar erklärbar sind. Das geschieht aber meist erst später, wenn das Umfeld mehr Sicherheit bietet.  

Kinder haben den inneren Entwicklungsplan, langsam die natürlichen, gesunden und lebenserhaltenden Ängste kennenzulernen und sich mit ihnen auseinanderzusetzen. Das ist wie bei Infekten für das lernende Immunsystem, nur auf der psychischen Ebene. Dazu gehören nächtliche Albträume genauso wie Angst vor Hunden oder fremden Menschen.

Kinder haben also in der Regel keine Panikattacken, sondern entwicklungsbedingte Ängste, die sie langsam kennenlernen und in ihren Erfahrungsschatz aufnehmen.  

In diesen heftigen Zeiten von Corona schweben auch dort Ängste wie Aerosole herum, wo man normalerweise keine vermutet. Es ist eine große Herausforderung für unsere Psyche, mit dieser unfassbaren neuen Situation einer Pandemie mit allen Arten von unerwarteten Konsequenzen umzugehen. Kinder spüren das bei ihren Eltern, bei Kita-Erzieher*innen oder Lehrer*innen, Großeltern oder auf der Straße, wenn andere mit Maske rumlaufen und unnatürlicher Abstand gehalten wird. Und dann geschieht vielleicht etwas Schlimmes: Ein Verwandter oder bekannter Erwachsener erkrankt schwer und stirbt vielleicht sogar.  

Wenn ein Kind ohnehin in einer unsicheren Situation ist – vielleicht, weil sich die Eltern getrennt haben – dann kann auch das Kind Panikattacken bekommen, wenn der Verdrängungsmechanismus nicht mehr greift. Ist dies der Fall, dann sollten die Erwachsenen sehr schnell reagieren. Das Kind braucht dann Sicherheit und die Möglichkeit, seine akuten Ängste beschützt zu durchleben, egal ob diese etwas Konkretes und Sichtbares wie Tiere, Fremde, Feuer oder etwas Abstraktes wie den Tod als Auslöser haben.  

Bis zu einem gewissen Alter wissen Kinder nicht, was der Tod ist; sie können es sich nicht vorstellen. Wir alle können das nicht, egal wie alt wir sind. Normalerweise denkt aber ein Kind nicht an sein Lebensende. Es macht langsam die Erfahrung, dass es ein Werden und Vergehen gibt. Wir alle wachsen nur mühsam mit zunehmendem Alter in die Akzeptanz dieser existenziellen Frage hinein.  

Wann immer solche Ängste bei einem Kind auftauchen, ist es ein sicheres Zeichen, dass starke Verlustängste und Überforderung vorliegen. Das Kind braucht sichere Bindung und eine ruhige Atmosphäre, die wieder ein Nestgefühl aufleben lässt. Kinder können sich Zukunft eigentlich noch gar nicht vorstellen, und deshalb können sie theoretisch auch keine Angst davor haben, dass sie selbst einmal sterben. Sie erleben sich in ihrer Umwelt noch im Moment, so wie das Leben gerade ist, unabwendbar und deshalb richtig. Wenn ein Kind aus seiner Gegenwart fällt und Angst vor etwas bekommt, das es sich noch gar nicht vorstellen kann, dann hat es große Not und braucht das Gefühl, wie Bonhoeffer es beschrieben hat: „Von guten Mächten wunderbar geborgen.“ Dafür sind die Eltern, Großeltern, Betreuende, also die jeweils primären Bezugspersonen, zuständig. Manchmal sind es auch Außenstehende.  

Bei Konflikten zwischen den Eltern geht manchmal die Wahrnehmung dafür verloren, was die eigenen Kinder aushalten müssen – neben den ohnehin vorhandenen Herausforderungen des Aufwachsens. Eine therapeutische Unterstützung kann Kindern helfen, die eigenen Ängste zu inszenieren und sich wahr- und angenommen zu fühlen.  Das große Stichwort ist „Vertrauen“: in die Erwachsenen, in das Leben, mit allem was dazu gehört, in Vorstellungen, die ein Geborgenheitsgefühl geben.

Allerdings ersetzen Glaubenskonzepte nicht die unmittelbaren Bindungen. Denn weshalb lässt ein „lieber Gott“ den Papa oder die Oma sterben? Der Sinn erschließt sich nur im berechtigten Vertrauen zu mindestens einem Menschen, der liebevoll die Wahrheiten darüber transportiert, dass Pflanzen, Tiere und Menschen nur eine begrenzte Lebenszeit haben, genauso wie Naturkatastrophen hereinbrechen können, egal, welche Ursachen dazu geführt haben. Kinder sind für alles, was mit dem Begriff ‚Schuld‘ verbunden ist, nicht zuständig.  

Der größte Dienst, den Eltern und andere Erwachsene Kindern erweisen können, ist die Auseinandersetzung mit den eigenen Ängsten, um ein gesundes und stabiles Vorbild zu sein, das Herausforderungen des Lebens annehmen und es sich trotzdem gutgehen lassen kann. Über eigenes Selbstvertrauen und Belastbarkeit zu verfügen, nennt man kurz gesagt ‚Resilienz‘. Die Kinder identifizieren sich damit und machen es einfach nach. Reagiert also ein Kind vor der Zeit mit Panik auf etwas, das es noch nicht verstehen kann, braucht es möglichst schnell Stabilität, Vertrauen und Liebe, um Hoffnung zu erlernen.


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