Veröffentlicht am Fr., 28. Mai. 2021 00:00 Uhr

Der Alltag mit Kindern ist wunderbar und herausfordernd – und manchmal beides gleichzeitig. Auf dem Evangelischen Campus Daniel berät Diplom-Pädagogin Martina Rohrbach Eltern in Fragen rund um Familienleben und Erziehung. Dieser Themenfundus und persönliche Beobachtungen sind die Inspiration für ihren wöchentlichen Blog „Familiensinn“.

Blog 53 - Leere Kassen sind eine gute Zeit für Veränderung  

Schon seit längerer Zeit beschäftige ich mich intensiver mit den Folgen der Erderwärmung, kurz: dem Klimawandel. Nein, es macht mir keinen Spaß, aber ich entscheide mich trotzdem immer wieder für ein Webinar oder eine Lektüre. Das kann man nicht von jedem verlangen, weil es Zeit und Nerven kostet; aber die Informationen und Schlussfolgerungen daraus sollten dennoch in das so nötige Allgemeinwissen fließen. Es verändert mich, es nimmt mich im wahrsten Sinne des Wortes mit! Und das soll es auch!  

Gestern Abend lief ein Webinar von den Grünen: „Schlüsseljahr im Klimaschutz: Was taugt das deutsche Klimagesetz & der EU Green Deal?" Es ging mit sehr guten Referenten quer durch die Themen unter Moderation von Sven Giegold, dem Sprecher der Europa-Gruppe GRÜNE, und ich gestehe, dass ich ob seines unglaublichen Fleißes und der entspannten Art ein Fan von ihm bin. Er kann vermitteln, gut zusammenfassen und das mit Sachlichkeit und immer einer Prise Humor. Er sagte am Schluss, leere Kassen seien eine gute Zeit für Veränderung.  

Letzte Woche hatte ich mir einen Test gegönnt, weil ich dachte, ich bräuchte irgendwelche Dinge aus Geschäften. Also streifte ich durch Karstadt und vergaß sofort, was ich suchte. Ich fühlte mich inmitten dieser Waren, Klamotten und anderen Dingen im Überfluss wie ein Alien von einem anderen Stern. Am Ende einer kleinen Odyssee schlurfte ich mit ein paar neuen Socken in der Tasche nach Hause; und selbst die hätte ich nicht wirklich gebraucht.  

Im Bio-Supermarkt packte ich einen losen Kopf Salat ein und ging an den in Plastik verpackten Salatherzen vorbei, wo ein junger Familienvater zugriff. Ich musste etwas sagen. Sehr freundlich wies ich beiläufig darauf hin, dass der lose Salat sehr frisch sei und gut aussehe, und damit die Plastikverpackung gespart würde. Er schaute mich stumm mit großen Augen an, während ich von mir selbst beschämt weiterzog. Was geht mich das an? Muss ich mich überall einmischen? Das kann doch jeder machen, wie er will! Habe ich ein Problem? Ja, habe ich: Ich fühle etwas, wo ich früher nichts gespürt habe außer Freude über die große Auswahl und meine Freiheit, mir nehmen zu können, was mir gefällt.  

Dieses Gefühl verunsichert mich. Erst kam die Pandemie, und jetzt ploppt ständig der Klimawandel in mir auf, als würde ich mir selbst die Lebensfreude rauben wollen. Aber ich habe doch ganz viel Lebensfreude; gerade deshalb will ich das Leben ja erhalten!

Aus all den Informationen über Transformationsprozesse, Umbau der Wirtschaft und wissenschaftlichen Fortschritt in Richtung Nachhaltigkeit erwächst in mir die Erkenntnis, dass sich wirklich alles wird ändern müssen! Aber vielleicht ist das gar nicht schlimm, sondern erleichternd, wenn man Ansprüche loslässt.  

Bisher war in allen Rechnungen nicht drin, dass unser menschliches Konsumverhalten bei immer niedrigeren Preisen niemals die Ressourcen der Natur in die Rechnung mit einbezogen hat. Dieser Planet kann und darf nicht mehr kostenfrei weiter ausgeschlachtet werden. Fossile Energiegewinnung müsste weltweit endlos teuer werden und nachhaltige Energiegewinnung wird wohl erst mal teuer werden. Wie man es dreht und wendet: Wir werden den Preis insbesondere für die letzten hundert Jahre zahlen müssen ob durch hohe Benzinpreise, entsprechende Flugkosten oder weil wir die Arbeiter*innen in ärmeren Ländern nicht länger ausbeuten und mit ihnen teilen wollen.  

Au Backe, das wird hart! Und wie soll das umgesetzt werden? Ich habe ja schon geschluckt, als ich vorm Supermarkt mal warten musste, weil nur eine gewisse Zahl Menschen in den Laden durfte. Oder als am Anfang der Pandemie viele Regale leergekauft waren.  

Wie kommen wir vom Konsum- und Wegwerfwahn und dem Anspruch auf uneingeschränkte Mobilität runter, ohne das als Verlust persönlicher Freiheit zu empfinden und vielleicht in Wut und Hass abzurutschen?  

Es müssten in allen relevanten Bereichen gleichzeitig junge, bewusste und aktive Kräfte die Geschicke in die Hand nehmen und sofort loslegen! Der Bildungsbereich bräuchte ein komplett neues Strickmuster. Unsere narzisstische Gesellschaft müsste sich in eine solidarische Gesellschaft wandeln, bevor der schmelzende Permafrost Katastrophen hervorgebracht hat, die wir uns noch gar nicht vorstellen können.  

Wir müssen alle gemeinsam gegen den Strom des Wachstumswahnsinns und unser träges Gehirn schwimmen, indem wir Werte wie Liebe und Beziehungen zu Menschen, der Natur als Ganzes und dem Recht unserer Nachkommen auf eine lebenswerte Welt auf die Ziellinie schreiben.  

Ich hatte neulich meine kleinen Nachbarskinder zu Besuch. Wir machten alle einen Spucktest und spielten los. Wie hatte ich sie vermisst! Ich war glücklich, genoss jedes Lachen und Glucksen, und dachte: Ich persönlich brauche nicht mehr als dieses wunderbare Gefühl von Nähe und Verspieltheit. Wenn diese Liebe, die ich empfunden habe, echt ist, kann ich nicht wie eine Made im Speck weiterleben wie bisher, sondern gehe in die Foodcoop um die Ecke und folge dem Pfad meiner neuen Gefühle.


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