Veröffentlicht am Di., 22. Jun. 2021 00:00 Uhr

Der Alltag mit Kindern ist wunderbar und herausfordernd – und manchmal beides gleichzeitig. Auf dem Evangelischen Campus Daniel berät Diplom-Pädagogin Martina Rohrbach Eltern in Fragen rund um Familienleben und Erziehung. Dieser Themenfundus und persönliche Beobachtungen sind die Inspiration für ihren wöchentlichen Blog „Familiensinn“.

Blog 56 - Was wir vom Fußball noch lernen können

+++ Ende Juni geht Martina Rohrbach in den Ruhestand. Am Samstag, 26. Juni 2021 von 16 bis 19 Uhr verabschiedet sie sich auf dem Evangelischen Campus Daniel, Brandenburgische Straße 51, 10707 Berlin. Wer vorbeikommen möchte, ist herzlich eingeladen. +++

Die Analyse war gut gemacht, und der Trainer hat den richtigen Ton getroffen. So hieß es nach der Niederlage der deutschen Mannschaft gegen die französische und in Folge über den 4:2-Sieg gegen die portugiesische. Damit soll gesagt werden, dass aus den Fehlern des ersten deutschen Spiels bei dieser Europameisterschaft die richtigen Schlüsse gezogen wurden, um dieselben Fehler nicht zu wiederholen. Um die Aufgeschlossenheit der Mannschaft zu gewinnen, ist es wichtig, den richtigen Ton zu treffen; damit sich die Spieler nicht abgewertet, sondern aufgebaut fühlen. Nach dem Spiel ist vor dem Spiel; also sehen wir weiter.  

Eine Familie hat in der Regel keinen Trainer, der nach bestimmten Zeiteinheiten eine Analyse durchführt. Auch keine Schiedsrichter und den Videobeweis im Zweifelsfalle. Schade eigentlich! Denn es ist nach einer Auseinandersetzung nicht einfach, den richtigen Ton zu treffen, um den anderen zu ermutigen, sich z.B. kooperativer zu verhalten, mehr im Team, in der Familie zusammenzuspielen. Das betrifft die Erwachsenen genauso wie die Kinder.

Für Familien gibt es keine Turniere wie eine Europameisterschaft in ‚Fair Play‘, aber vielleicht ist es nicht verkehrt, sich selbst Anreize zu schaffen und sich gemeinsam für gelungene Auseinandersetzungen zu belohnen. Für Kinder ist es eine große Freude, Zeit in Ruhe mit den Eltern zu verbringen, die ungeteilte Aufmerksamkeit auf eine gemeinsame Sache zu haben; als da wären, z. B. Feuerkäfer, Legoburgenbau, Piratenspiele oder Plätzchenbacken.

Ein Fußballspiel läuft gut, wenn der Ball zwischen allen auf dem Platz in Bewegung ist und die weiten Räume genutzt werden. Wer steht frei, läuft neben mir, ist anspielbereit? Auch wenn nicht jeder Pass punktgenau ankommt, lohnt sich der weite Blick.  

Wir hatten am Wochenende mit einigen Hausbewohnern ein kleines Hoffest organisiert. Trotz Hitze wurde gegrillt, jeder brachte was mit, und die Kleinen hatten ihr Planschbecken. Ich hatte meinen bewährten italienischen Kartoffelsalat gemacht, holte meinen Klapptisch aus dem Keller, und so verbrachten wir vier friedliche und unterhaltsame Stunden neben der Baustelle meines eingerüsteten Gartenhauses.

Die Kids zwischen 1 und 5 Jahren waren mega-entspannt und jede*r von uns spielte mal ein bisschen mit ihnen. Meine zweieinhalbjährige Lieblingsnachbarin lief die meiste Zeit splitternackt mit ihrem neuen Deuter-Kinderrucksack auf dem Rücken und Sonnenbrille rum, während ihr Bruder ganz geduldig Konversation mit dem sehr schwerhörigen alten Herren führte, der bereits seit 50 Jahren in diesem Haus wohnt. Erst lebte er mit seiner fünfköpfigen Familie im Vorderhaus, nun ist er alleine und bewohnt eine kleine Wohnung im Gartenhaus. All das erfährt man auf diese Weise. Die Sorgen und Nöte der Einzelnen, das solidarische Aufregen über die unverschämten Mieterhöhungen. Im Anschluss haben wir die Straßenbäume gegossen. Alles zusammen verbuche ich unter häuslicher Idylle und muss gestehen, dass mich das die vielen Nachteile meiner Wohnung für eine Zeit vergessen ließ.  

Während ich das schreibe, ist auch das Spiel von Polen gegen Spanien fast zum Ende gekommen. Es ist ein völlig anderes Spiel als Deutschland gegen Portugal: So viel Kampfgeist auf beiden Seiten mit allen Mitteln, vielen Fouls und Verletzungen. Eine völlig andere Atmosphäre mit Unmengen von gelben Karten. Vielleicht würde ein Hoffest in einem anderen Kiez mit anderen Leuten auch eine ganz andere Gestalt annehmen. Die Themen wären verschieden, die Kinder würden sich vielleicht weniger angepasst verhalten und der dazugehörige Haustratsch hätte ein eigenes Gesicht mit entsprechender Mimik.  

Ich bin davon überzeugt, dass das, was sich der Großteil der Menschen am meisten wünscht, nicht die individuelle Freiheit ist, machen zu können, was man will. Die höchste Priorität hat eine entspannte Zugehörigkeit zu empfinden und nicht dauernd um den Platz in der Gemeinschaft und persönliche Anerkennung kämpfen zu müssen. Das bedeutet aber auch, dass jede*r seinen Einsatz bringen muss, damit das Familienspiel flüssig läuft. Stärken, Schwächen, Verletzungen, Sportsgeist und die Reflexion der vielen unvermeidlichen Fehlpässe in der Kommunikation; das alles gehört dazu. Und immer wieder die grausige Erkenntnis, dass es auch in Familien keine Gerechtigkeit gibt. Es gibt aber die wiederkehrenden Möglichkeiten zum Ausgleich.  

Jedes Spiel hat seine Regeln. Nicht alle erscheinen sämtlichen Beteiligten jederzeit logisch. Ein Abseits ist nicht für jeden Mitspieler erkennbar; aber es gibt trotzdem eine eindeutige Definition, was diese Grenzüberschreitung bedeutet. In einer Gemeinschaft wie einer Familie zu leben, ist wie ein Mannschaftssport bei dem ständig gewonnen und verloren wird. Und damit niemand übersehen oder übergangen wird, lohnen sich die Analysen, Reflexionen und ein guter Ton, um die Kommunikation zu einer kleinen Meisterschaft zu bringen.

Vielleicht sind sogar die Kinder die eigentlichen Trainer? Wäre es nicht ein echter Erfolg und Gewinn, wenn Ihr Kind sagt, „Mama, Papa, ich bin stolz auf euch, dass ihr nicht geschimpft, sondern zugehört habt, weshalb ich das gemacht habe!“


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