Veröffentlicht am Di., 29. Jun. 2021 00:00 Uhr

Der Alltag mit Kindern ist wunderbar und herausfordernd – und manchmal beides gleichzeitig. Auf dem Evangelischen Campus Daniel berät Diplom-Pädagogin Martina Rohrbach Eltern in Fragen rund um Familienleben und Erziehung. Dieser Themenfundus und persönliche Beobachtungen sind die Inspiration für ihren wöchentlichen Blog „Familiensinn“.

Blog 57 - Der Wandel-Blog


Ich sitze in meiner Wohnung wie in einem Vakuum. Das Haus ist eingerüstet, die Fenster sind abgeklebt, weil die Fassade und die Balkone neu gemacht werden; ohne vorherige Ankündigung! An jedem Morgen in der Woche werde ich pünktlich ab 7.00 Uhr von lautem Hämmern und Bohren – untermalt mit osteuropäisch klingenden Männerstimmen –beschallt. Mein Büro ist bereits geräumt. Sind das vielleicht äußere Zeichen, dass ich jetzt wirklich mit der bisherigen Arbeit im Homeoffice aufhören sollte? Und dann noch eine Mieterhöhung! Ist es etwa an der Zeit, aus der alten Verpuppung auszubrechen? Der Übergang fällt mir schwer.  

Während ich so im lauwarmen Selbstmitleid bade, kommen mir Bilder und Assoziationen zu denjenigen, die überall in der Welt wirklich unter existenziellen Problemen leiden; und zu all den Themen zum Klimawandel, die ich in meinen Blogs immer wieder hartnäckig versucht habe, mit den Alltagsthemen zu verknüpfen. Ich kann nicht anders. Ich frage mich, wie es Menschen, Einzelne und Familien, ohne Ruhe und Privatsphäre, teilweise jahrelang, frierend, in sengender Sonne, krank und ohne ausreichende Hilfe, überhaupt aushalten können? Ich habe alles, was ich brauche: Monatlich wiederkehrende Einnahmen, ein Dach über dem Kopf, für mich noch bezahlbar, eine Heizung, alle nötigen Fachärzte zur Verfügung, und vollkommene Bewegungsfreiheit, obwohl ich immer lautstark meine Meinung äußere. Ich bin auch schon das zweite Mal gegen Corona geimpft. Meine Klagen verursachen mir auch Scham.  

Es ist mir ein Bedürfnis, dankbar zu realisieren, wie viele Ressourcen und Möglichkeiten wir hier in Deutschland, in Europa, zur Verfügung haben, um unser Leben zufriedenstellend ausfüllen zu können, auch wenn es grundsätzlich ungerecht zugeht.  

Wie gerne würde ich allen gestressten Eltern sagen: „Beruhigt euch, sortiert euch, eure Gefühle und überprüft eure Absichten.“ Nehmen Sie die Anlässe Ihres Ärgers, legen Sie sie im Geiste vor sich hin, oder schreiben Sie sie noch besser auf, und nehmen Sie sich ein bisschen Zeit, um die Tatsachen zu betrachten. Was ist das Problem? Ist das wirklich wahr? Ist es den Ärger wert? Okay, der Müll …, Sie fühlen sich nicht wahrgenommen oder falsch verstanden, nicht geliebt, sind gefangen in Ihren Gefühlen und wissen nicht, wie Sie Ihrem Partner, Ihrer Partnerin oder Ihrem Kind wieder näherkommen können?  

Die Problemspirale schraubt sich wie von selbst ins scheinbar Unentwirrbare, und der Gedanke an Flucht wächst weiter und weiter, während beim Gegenüber der Rückzug immer strammere Formen annimmt. Es ist wie bei sich verfilzenden Haaren, die im besten Falle zu modischen Rastazöpfen werden; aber das Aufdröseln ist alleine nicht mehr zu schaffen. Manch „alte Zöpfe“ müssten ab.  

Wenn ich als Elternberaterin ins Spiel gekommen bin, fand ich meistens eine Gemengelage mit teilweise verhärteten Fronten vor. Aber ich kann ja nicht mit der Tür ins Haus fallen und sagen, dass es am besten wäre, wenn beide mehr für sich sorgen, vielleicht eine Therapie machen und sich gemeinsam etwa zwei bis drei Jahre Zeit nehmen würden, um z.B. mit Hilfe von Zwiegesprächen und Beratung, kontinuierlich an ihrer Beziehung zu arbeiten. Dass in den ersten Jahren der Kinderbegleitung vor den individuellen Bedürfnissen der Eltern die Partnerschaft stabil gehalten werden sollte. Und dass die Kinder völlig okay sind, wenn sie ihren Eltern mit ihren Auffälligkeiten den Spiegel vorhalten. Und, zu allem Überfluss, dass eine Trennung in der Regel keine Freiheit bringt, sondern noch mehr Stress und Kosten, und in der nächsten Beziehung manche ungelösten Probleme in Wiedervorlage auftreten, weil man sich dummerweise mitnimmt. Manchmal muss man auch auseinandergehen.

„Sie sind jeweils für Ihre Gefühle zuständig“, habe ich oft gesagt. Vielleicht, bestimmt sogar, habe ich manchmal im Übereifer etwas überzogen, es „zu gut gemeint“, und dabei manchen Fehlpass geschossen. – Sehen Sie es mir bitte nach!  

Ich gehe jetzt in meine wohlverdiente Selbstständigkeit. Und natürlich werde ich weiterhin tätig sein, Mediationen und Mediationsausbildung, Paarberatung, Coachings, Supervision und Fortbildungen anbieten, solange ich nachgefragt werde; oder mich anderweitig engagieren. Und ich höre auch nicht auf, Tango zu tanzen und weitere Texte zu schreiben.  Die Karten werden noch gemischt, wie meine Lebensreise weitergeht.  

Dafür nehme ich viele Erfahrungen und eine tiefe Dankbarkeit für das mir entgegengebrachte Vertrauen mit. Ich wünsche von Herzen allen Leser*innen und Hörer*innen Geduld, Fehlerfreundlichkeit, Entschiedenheit und ein gutes Maß an bedingungsloser Liebe für den weiteren Lebensweg!  

Stufen 

Wie jede Blüte welkt und jede Jugend
Dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe,
Blüht jede Weisheit auch und jede Tugend
Zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.

Es muss das Herz bei jedem Lebensrufe
Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
In andre, neue Bindungen zu geben.
Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.

Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,
An keinem wie an einer Heimat hängen,
Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,
Er will uns Stuf‘ um Stufe heben, weiten.
Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise
Und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen,
Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.

Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
Uns neuen Räumen jung entgegen senden,
Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden …
Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!  

Herrmann Hesse (4. Mai 1941)  


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